Region. Bis 2040 könnten mehr als zwei Drittel der Hausärzte zwischen Harz und Heide das Rentenalter erreichen. Die Landesregierung setzt auf die Landarztquote, deren erste Absolventen 2034 in die Praxen kommen. CDU und AfD reicht das nicht. Knapp ein Jahr vor der Landtagswahl wird die hausärztliche Versorgung zum Streitthema.
Wie lässt sich verhindern, dass in Südostniedersachsen Hausarztpraxen ohne Nachfolger schließen? Darüber gehen die Positionen im Landtag weit auseinander. SPD und Grüne verweisen auf laufende Programme, die Opposition fordert mehr Medizinstudienplätze und schnellere Hilfe.
Drohende Versorgungsengpässe
Das Niedersächsische Gesundheitsministerium spricht von einer „insgesamt“ gut ausgebauten Versorgung, räumt aber „Ungleichverteilungen und drohende Versorgungsengpässe“ ein. Die CDU bewertet die Situation deutlich kritischer. „Wir sehen die Entwicklung mit großer Sorge“, sagt ihr sozialpolitischer Sprecher Eike Holsten gegenüber regionalHeute.de.
Auch landesweit bleibt die Lage angespannt. Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) sind derzeit 436 Hausarztsitze unbesetzt, elf weniger als zuvor. Laut der Arztzahlprognose 2040 der KVN müssen bis dahin je nach Region 50 bis 90 Prozent der hausärztlichen Sitze neu besetzt werden.
Was die Zahlen für die Region zeigen
In der Bezirksstelle Braunschweig der KVN waren im Mai 2026 insgesamt 735 Hausärztinnen und Hausärzte tätig. 142 von ihnen sind älter als 65 Jahre, bis 2040 wären es bei einfacher Fortschreibung 503.
In Südostniedersachsen gilt derzeit keine Gemeinde als unterversorgt. In den Planungsbereichen Helmstedt, Salzgitter und Wolfsburg-Umland geht die KVN jedoch von einer drohenden Unterversorgung aus. Der Versorgungsgrad liegt dort zwischen 83,7 und 86,1 Prozent. Wer sich in diesen Bereichen niederlässt, kann bis zu 60.000 Euro Förderung erhalten.
„Nach den derzeitigen Modellen sind die größten Versorgungsbedarfe regional im Kerngebiet des Landkreises Helmstedt, des Landkreises Gifhorn und im Wolfsburger Umland zu erwarten“, erklärt Detlef Haffke von der KVN. Erhebliche Defizite zeichneten sich zudem im Landkreis Peine und in Teilen des Landkreises Wolfenbüttel ab.
Reicht die Landarztquote?
Besonders sichtbar wird der Streit bei der Landarztquote. Seit dem Wintersemester 2023/2024 stellt das Land jährlich 60 Studienplätze für künftige Landärzte bereit. Die ersten Absolventen werden nach Angaben des Ministeriums voraussichtlich 2034 hausärztlich tätig.
Der CDU genügt das nicht. Die Quote wirke „erst nach vielen Jahren“, sagt Holsten. Seine Fraktion will sie ausweiten und fordert in einem Antrag, noch in dieser Legislaturperiode die Voraussetzungen für 200 zusätzliche Studienplätze in der Humanmedizin zu schaffen. Eine Task Force soll dafür gemeinsam mit den Universitäten einen Fahrplan erarbeiten.
Die AfD hält die Quote ebenfalls für sinnvoll, aber nicht für ausreichend. „436 unbesetzte Hausarztsitze sind ein Warnsignal“, sagt ihre gesundheitspolitische Sprecherin Delia Klages. Auch sie fordert mehr Studienplätze. Zweifel am Umfang hat zudem die KVN. Ob 60 Plätze pro Jahr ausreichen, sei „mehr als fraglich“, so Haffke.
SPD: Debatte nicht verkürzen
Die SPD setzt andere Akzente. Die Debatte könne „nicht auf die Zahl vermeintlich fehlender Ärztinnen und Ärzte oder freier Praxissitze reduziert werden“, sagt Claudia Schüßler, gesundheitspolitische Sprecherin der Fraktion. Entscheidend seien ebenso die regionale Verteilung, der tatsächliche Tätigkeitsumfang und die Organisation der Versorgung.
Dass Landarztquote und Versorgungszentren allein nicht reichen, räumt auch die SPD ein. Schüßler verweist auf den Ausbau des Medizinstudiums in Oldenburg von 120 auf dauerhaft 200 Studienanfängerplätze und auf den 10-Punkte-Aktionsplan der Landesregierung. Kurzfristig sollen Weiterbildung, Quereinstieg und die Entlastung der Ärzte durch andere Gesundheitsberufe helfen.
Der grüne Koalitionspartner hält die Versorgung für „noch immer gut“. „Wir beteiligen uns als Grünen-Landtagsfraktion nicht an einem Überbietungswettbewerb nach scheinbar neuen Lösungen“, sagt Sprecherin Eva Viehoff. Man wolle die bestehenden Maßnahmen begleiten, kontrollieren und gegebenenfalls nachbessern.
Wer ist zuständig?
Bei der Verantwortung verweisen Ministerium und SPD auf die KVN. Sie habe den gesetzlichen Auftrag, die vertragsärztliche Versorgung sicherzustellen. Wesentliche Rahmenbedingungen würden zudem bundesrechtlich bestimmt, so Schüßler. Das Land unterstütze die KVN mit eigenen Programmen.
Die KVN nimmt dagegen alle Ebenen in die Pflicht. Ihre aus dem Honorar der Ärzte finanzierten Förderprogramme würden „allein nicht ausreichen, um die letztlich auch als gesamtgesellschaftliche Aufgabe anzusehende ambulante Versorgung sicherzustellen“, erklärt Haffke.
Die Opposition richtet ihre Forderungen vor allem an die Landesregierung. Sie müsse „frühzeitig gegensteuern und die Praxen insbesondere von Bürokratie entlasten“, sagt Holsten. Die AfD will gefährdete Praxisnachfolgen gemeinsam mit der KVN frühzeitig erfassen.
Was kosten die Vorschläge?
Konkrete Beträge nennt keine Fraktion. Die CDU will sich erst festlegen, wenn Umfang und Ausgestaltung der Maßnahmen feststehen. Die AfD verlangt zunächst, dass die Landesregierung Standorte, Kapazitäten und Kosten offenlegt.
Die SPD verweist auf die laufenden Beratungen zum Doppelhaushalt 2027/2028. Einzelne Posten stünden noch nicht fest. Den Ausbau der Regionalen Versorgungszentren unterstütze das Land derzeit mit 2,5 Millionen Euro pro Jahr. In der Region gibt es bislang ein solches Zentrum, in Baddeckenstedt. Neue Anträge können Kommunen bis zum 30. Oktober 2026 stellen.
Was ist bis zur Wahl realistisch?
Zusätzliche Hausärzte bis zur Landtagswahl am 26. September 2027 verspricht keine Fraktion. „Als Oppositionsfraktion können wir bis 2027 keine zusätzlichen Hausarztpraxen versprechen“, sagt Holsten. Ähnlich äußert sich Klages: Sie verspreche „keine zusätzlichen Hausärzte bis 2027, die heute noch ausgebildet werden müssen“.
Für die SPD ist der Wahltermin nicht der Maßstab. Es gehe „nicht um die Verbesserung zur Landtagswahl, sondern um eine nachhaltige Stärkung regionaler Strukturen“, sagt Schüßler. Die Grünen verweisen auf ihr Wahlprogramm, das sich noch in einer frühen Phase befinde.
Auch das Ministerium nennt auf Anfrage von regionalHeute.de keine konkreten Ziele bis 2027. Gemeinsam mit der KVN habe man sich vorgenommen, die ambulante Versorgung „bis zum Jahr 2030 zukunftssicher auszugestalten“.
Woran soll sich die Politik messen lassen?
Bei den Kriterien liegen die Fraktionen auseinander. Die SPD nennt die Zahl der Medizinstudienplätze, den Aufwuchs von Versorgungszentren und die Nutzung der Landarztquote. Die Grünen orientieren sich an der Bedarfsplanung: Kein Planungsbereich soll als unterversorgt gelten. Landesweit sind es derzeit zwei von 105.
Für die AfD zählt, ob Patienten in jeder betroffenen Region „eine erreichbare Praxis finden, die neue Patienten aufnimmt“. Die CDU stellt die unbesetzten Sitze in den Mittelpunkt. „Die Landespolitik muss sich daran messen lassen, ob es gelingt, die Zahl der unbesetzten Hausarztsitze dauerhaft zu reduzieren und gleichzeitig ausreichend medizinischen Nachwuchs für Niedersachsen auszubilden“, sagt Holsten. Und weiter: „Die Landesregierung muss heute die Voraussetzungen schaffen, damit wir in zehn Jahren nicht vor noch größeren Versorgungslücken stehen.“

