Wolfenbüttel. Sie steht Menschen in den wohl schwersten Stunden ihres Lebens zur Seite: Dagmar Ammon ist Hospizbegleiterin. Vor neun Jahren gründete sie gemeinsam mit anderen Wolfenbütteler Bürgern den Hospizverein Wolfenbüttel. Nun erzählt sie aus ihrem Alltag, über den Umgang mit Leben und Tod, Trauer und Verlust sowie von den letzten schönen Momenten im Leben eines Menschen.
Das Lebensende ist nach wie vor ein Thema, mit dem sich viele Menschen eher ungerne beschäftigen. Tod hat immer mit Verlust zu tun, oft auch mit Leid. Für Dagmar Ammon ist jedoch genau dieses Thema essentiell – sie begleitet mit ihrem Verein unheilbar kranke Menschen und ihre Angehörigen ambulant, das heißt dort wo sie leben, in ihrem eigenen Zuhause. Sie selbst hatte bis zum Beginn ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit nur wenige Berührungspunkte mit dem Sterben oder dem Tod. Nachdem sie 1999 aus gesundheitlichen Gründen aus ihrem Lehrerberufsleben ausschied, war sie auf der Suche nach einer weiteren sinnvollen Beschäftigung. „Ich bin damals erstmal in ein Loch gefallen, denn ich habe immer gern in meinem Beruf gearbeitet“, sagt sie. Dagmar Ammon begann ein Fernstudium als Heilpraktikerin, absolvierte später erfolgreich zusätzlich eine dreijährige homöopathische Ausbildung .
„Ich bin diesen Weg gegangen und habe anschließend praktische Erfahrungen gesammelt“, so Ammon. Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits 60 Jahre alt. “Ich habe damals in einer Senioreneinrichtung das erste Mal bewusst wahrgenommen, wie einsam manche Menschen sterben. Entweder haben sie niemanden mehr, ihre Familie wohnt zu weit weg oder sie wollen ihre Angehörigen nicht belasten.“ Zu diesem Zeitpunkt sprach Frau Dörthe Weddige-Degenhardt sie an: „Wolfenbüttel war zu dieser Zeit ein weißer Fleck, was die ambulante Hospiz-Arbeit anging.“ Kurzer Hand gründeten sie den ambulant agierenden Hospizverein Wolfenbüttel e.V.
Gemeinsam weinen, gemeinsam lachen
Seit 2011 gibt es die Initiative "Trauer in Bewegung". Dagmar Ammon und Ursula Behrens vom Hospizverein Wolfenbüttel helfen, wenn die Trauer übermächtig wird. ">Seit 2011 gibt es die Initiative "Trauer in Bewegung". Dagmar Ammon und Ursula Behrens vom Hospizverein Wolfenbüttel helfen, wenn die Trauer übermächtig wird. Foto: Anke Donner)
Die ersten Jahre hatte der Verein noch keine hauptamtlichen Mitarbeiter: „Bis dahin haben wir alles selbst gemacht. Koordination, Lehrgänge und Erstbesuche. Ich war bei jedem Besuch dabei." Erst als 2012 die notwendigen Voraussetzungen für eine Förderung nach dem Sozialhilfegesetz gegeben waren, konnte der Verein eine hauptamtliche Kraft einstellen. „Für jeden der ehrenamtlichen Helfer sei diese Aufgabe eine Herzensangelegenheit“, sagt sie. Ein Hospizhelfer muss für diese Art der Begegnungen geeignet sein, muss die Fähigkeit haben, zuhören und auf andere Menschen eingehen zu können. Das alles kann Dagmar Ammon. „Ich lache mit den Menschen, die ich begleite, und ich weine mit ihnen. Es geht in der Hospizarbeit nicht darum gute Ratschläge zu geben, sondern für einen Menschen da zu sein. Mit ihm zu sein.“
Im Laufe der Jahre hat Dagmar Ammon gelernt, das Gesehene und Erfahrene nicht mehr mit nach Hause zu nehmen. So viele schöne, gemeinsame Momente es auch mit den schwer kranken Menschen geben kann, es sind immer traurige und verlustgeprägte. „Ich habe irgendwann eine Frau begleitet, die ich schon lange kannte. Sie ist sehr jung gestorben. Nach dieser intensiven Zeit merkte ich, dass ich eine Pause von der ambulanten Hospizarbeit brauchte“, erzählt sie. Diese Auszeit sollte sich ein Hospizhelfer auch nehmen, wenn er merkt, dass er das gesehene Leid verarbeiten muss.
Jeder verabschiedet sich anders
Der Hospizverein ist auf Spenden aus der Bevölkerung angewiesen. ">Der Hospizverein ist auf Spenden aus der Bevölkerung angewiesen. Foto: Sina Rühland
Der Verein ist da, wo sterbende Menschen ihn brauchen. Sei es zum Zuhören, zum Organisieren von Begegnungen oder zum Klären von letzten Angelegenheiten. „Eine Dame bat mich mal, mit ihr das Haus aufzuräumen. Sie wollte nicht, dass ihre Schwiegermutter nach ihrem Tod in ihren Schubladen wühlt. Also haben wir das gemacht. Wir haben Kisten gepackt und Dinge sortiert – zu vielen Gegenständen fiel ihr eine Geschichte ein. Ich habe ihr geholfen, Briefe an Freunde und die Familie aufzusetzen, und mit ihr noch einen letzen Geburtstag organisiert.“ Je nach Gesundheitszustand geht jeder anders mit dem Rest seines Lebens um. Hinzu kommt der Wille eines Sterbenden, noch seine Angelegenheiten regeln zu wollen. Dann ist der Hospizverein mit Dagmar Ammon und weiteren 27 Hospizhelfern da.
Sie scheint in ihrer Arbeit aufzugehen, erwähnt, wie wichtig die Hospizbegleitung gerade für die heutige Gesellschaft ist: „Früher ist man noch häufiger im Familienverbund verstorben – da lebten noch mehrere Generationen in einem Haus. Mit der Zeit haben sich die Familienkonstrukte jedoch verändert. Ich erinnere mich noch an meine Kindheit, als mein Onkel starb: die ganze Familie kam zusammen, wir saßen abwechselt an seinem Bett bis er einschlief. Heute erhält man häufig einen Anruf aus dem Krankenhaus oder einem Pflegeheim, weil Angehörige nicht erreichbar sind; manchmal ist auch gar niemand da, der sich verabschieden könnte. Es gibt auch Menschen, die möchten alleine sterben – das muss man respektieren.“ Wenn man sich fast täglich mit dem Tod auseinandersetzt, dann macht man sich über sein eigenes Lebensende ebenso Gedanken. Wie will ich sterben? Wo will ich sterben? Was will ich nicht?
Reisen zum Ausgleich
So gerne Dagmar Ammon ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit nachgeht, sie braucht auch gelegentlich eine Pause. Dann sind ihr Mann, ihre Töchter mit Familie und ihre Enkel da. Um abzuschalten, verreist die 68-jährige Wolfenbüttelerin gerne – es zieht sie an Orte, an denen noch Überraschungen auf sie warten. Kürzlich war sie mit ihrem Mann in Südafrika, irgendwann möchte sie sich gerne China angucken. Und bis es soweit ist, wird sie weiterhin mit den Menschen lachen und weinen, zuhören und schweigen. Sie wird weiterhin das für sie erdenklich Sinnvollste tun: ihre Zeit verschenken.

