Heiningen. Die Pfarrei St. Petrus und das Bistum Hildesheim haben einen weiteren Fall mutmaßlicher sexualisierter Gewalt aus der Vergangenheit öffentlich gemacht. Im Mittelpunkt der Vorwürfe steht der frühere Pfarrer Pater Joseph Christelbach SJ. Er war von 1965 bis zu seinem Tod im Jahr 1972 in Heiningen tätig. Das geht aus Pressemitteilungen der Pfarrei St. Petrus in Wolfenbüttel und des Bistums hervor.
Nach bisherigem Stand liegen Aussagen von sechs Frauen vor. Sie berichten, Christelbach habe an ihnen im Kindesalter sexualisierte Übergriffe begangen. Die Pfarrei bittet mögliche weitere Betroffene sowie Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, sich zu melden.
Erste Hinweise bereits 2020
Erste Hinweise auf den früheren Geistlichen als möglichen Täter erreichten Pfarrer Matthias Eggers im November 2020 über eine Person aus der Pfarrei, die Kontakt zu einer Betroffenen hatte. Eggers informierte nach eigenen Angaben mehrfach die Leitung des Bistums Hildesheim und kam damit seiner Meldepflicht nach.
In einem späteren Gespräch mit dem Leiter der Interventionsstelle habe sich jedoch herausgestellt, dass der Name Christelbach dort trotz der vorherigen Meldungen noch nicht bekannt gewesen sei. Zu diesem Zeitpunkt beabsichtigte die betroffene Person, selbst eine Meldung vorzunehmen. Interne Recherchen des Bistums sowie Nachfragen bei der Ordensgemeinschaft hätten zunächst keine weiteren Tatvorwürfe ergeben. Pfarrer Eggers stellte dem Bistum zugleich eigene Rechercheergebnisse zur Verfügung. Diese dokumentierten demnach wiederholt Verhaltensweisen, die als typische Grooming-Strategien eingeordnet werden könnten.
Grooming-Strategien sind gezielte Verhaltensweisen, mit denen Täterinnen oder Täter das Vertrauen von Kindern, Jugendlichen oder auch Erwachsenen schrittweise gewinnen, um Grenzen zu verschieben, Widerstand zu schwächen und sexualisierte Gewalt vorzubereiten oder zu verdecken. Typisch ist, dass Grooming oft nicht sofort eindeutig übergriffig wirkt. Es beginnt häufig mit scheinbar freundlicher Zuwendung: besondere Aufmerksamkeit, Geschenke, Lob, Bevorzugung, emotionale Nähe oder das Angebot von Hilfe.
Untersuchung eingeleitet
Im April 2022 stellte die betroffene Person einen Antrag auf Anerkennung des Leids. Dieser wurde am 20. März 2023 an die Unabhängige Kommission für Anerkennungsleistungen weitergeleitet und bewilligt. Im Februar 2025 traf Pfarrer Eggers in Heiningen auf eine weitere Betroffene. Sowohl Eggers als auch die Frau selbst erstatteten daraufhin Meldung bei einem unabhängigen Ansprechpartner. Der Bischöfliche Beraterstab in Fragen sexualisierter Gewalt empfahl im April 2025 die Einleitung einer Untersuchung. Im Juni 2025 beauftragte das Bistum Hildesheim den Vorsitzenden Richter am Landgericht a. D. Wolfgang Rosenbusch aus Hannover mit weiteren Nachforschungen und der Ermittlung möglicher weiterer Betroffener.
Bei einer Informationsveranstaltung im Gemeindesaal der Heininger Klosterkirche am gestrigen Sonntag stellte Rosenbusch die bisherigen Ergebnisse seiner Recherchen vor. Demnach hätten bislang sechs Frauen ausgesagt, Christelbach habe an ihnen im Kindesalter sexualisierte Übergriffe verübt. Die Schilderungen umfassen unter anderem sexualisierte Berührungen sowie Verhaltensweisen, die auf ein gezieltes Annähern an Kinder hindeuten.
Nach Einschätzung der Beteiligten legen die bislang vorliegenden Aussagen nahe, dass Christelbach Strategien eingesetzt haben könnte, um Kindern nahezukommen. Rosenbusch erklärte, die proaktive Aufarbeitung sei inzwischen an Grenzen gelangt. Deshalb habe er dem Bistum empfohlen, öffentlich weitere mögliche Betroffene sowie Zeitzeuginnen und Zeitzeugen um Hinweise zu bitten.
Wolfenbüttel kein Hotspot
Die Pfarrei St. Petrus betont, sexualisierte Gewalt erfordere Aufklärung, Anerkennung des Leids der Betroffenen und konsequente Aufarbeitung. Sie sehe es als ihre Aufgabe, dazu beizutragen, dass Unrecht benannt, Schweigen gebrochen und Verantwortung übernommen werde. Räume zu schaffen, in denen Betroffene gehört werden, sei eine wesentliche Voraussetzung für Wahrheit, Gerechtigkeit sowie mögliche Wege der Linderung und Heilung.
Zugleich stellt sich die Pfarrei nach eigenen Angaben ausdrücklich an die Seite der Betroffenen. Maßgeblich sei die Haltung, dass nicht die Betroffenen Scham tragen sollten, sondern Täter und Verantwortliche.
Dass die Pfarrei inzwischen drei mutmaßliche Täter aus der Vergangenheit benennen könne, wertet sie nicht als Hinweis auf eine Sonderstellung im Sinne eines „Hotspots“. Vielmehr sehe sie dies als Ergebnis eines ernsthaften und konsequenten Aufarbeitungsprozesses. Frau Kreiß, Juristin und Mitglied der Pfarreileitung, erklärte: „Ohne die Aussagen Betroffener und ohne das beharrliche Nachfragen der Pfarreileitung im Fall Christelbach wäre es nicht zu dieser Form der Aufarbeitung gekommen.“
Hinweise und Kontakt
Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die Hinweise an Wolfgang Rosenbusch geben möchten, können sich unter der Telefonnummer 0162 / 156 54 94 melden. Bis zum 1. Juli 2026 wird außerdem Pfarrer Matthias Eggers im Pfarrhaus in Heiningen wohnen und dort zu verschiedenen Zeiten für Gespräche zur Verfügung stehen. Er ist telefonisch unter 0170 / 483 83 17 erreichbar.

