KolumneHeute: Der letzte Kioskbesitzer

von Sina Rühland


| Foto: Sina Rühland

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Die meisten Kioskbesitzer sind freundlich, interessiert und stets bereit für einen kleinen, belanglosen Schnack über das aktuelle Tagesgeschehen. Sie nehmen Lottoscheine von hoffnungsfrohen Kunden entgegen, warten geduldig bis sich die Schulkinder entschieden haben, ob sie für 50 Cent Schlümpfe oder Schnuller in ihre bunte Tüte haben möchten, nicken höflich, wenn sich die Dame mit Hut über den zu kurzen Rock des Schlagersternchens echauffiert – Kioskbesitzer sind oft herzliche Wesen.

Dieser eine ist es nicht. Sein Kiosk ist die wasserlose Oase der schlechten Laune. Trotz dessen gehe ich immer dann dort hin, wenn die letzten Krümel in meinem Tabaktäschchen eher fiktiv als existent sind, wenn ich am Rande der Dehydrierung feststelle, dass kein Wasser mehr im Haus ist. Schon den ersten Schritt in den etwa fünf Quadratmeter großen Laden sollte man mit äußerster Vorsicht setzen –­ die Türglocke scheint laut „du bist hier nicht erwünscht“ zu rufen. Kaum hat die Glocke von Notre Dame ihr Geläut beendet, hört man es aus der Ecke schnaufen. Ein graues Wesen erkämpft sich den Weg durch den Zigarettenrauch vernebelten Raum. „Jaaa? Was ist denn?“. Schön, so herzlich begrüßt zu werden. Während sich der Kioskbesitzer in einem Affenzahn auf mich zu bewegt, schaue ich zur Seite. Auf den Regalen hat sich eine Art Patina gebildet, die vermutlich das einzig wirksame Mittel gegen multiresistente Keime sein dürfte. Zwei Dosen mit Gulaschsuppe, eine Tüte mit Waffeln und Toilettenreiniger scheinen bei dem großen Ausverkauf von ´98 übrig geblieben zu sein. Derweil steht der Kioskbesitzer mir gegenüber, legt die Zigarette in den überquellenden Aschenbecher neben sich und schaut mich an. Sein Haar ist licht, seine Zähne gelb.

 Die Autorin: RegionalHeute.de-Redakteurin Sina Rühland.
Die Autorin: RegionalHeute.de-Redakteurin Sina Rühland. Foto:



Ich bitte um Tabak und eine Flasche Wasser. Er grunzt. Dreht sich um. Geht zum Schrank. Kommt zurück. Ich schaue in mein Portmonee. Mist, denke ich. Ich habe nur nen Fünfziger. „Tschuldigung, ich habs nicht kleiner“, sage ich. Er grunzt wieder, holt Luft und fängt in unverständlichem Deutsch an zu schimpfen. Grummelnd wechselt er den Schein und verzieht sich wieder – ohne auf Wiedersehen zu sagen – in seine Ecke. Da ich ohnehin alles habe und der hiesige Sauerstoffgehalt mich am Denken hindert, verlasse ich den Kiosk. Luft, großartig. Auf dem Weg nach Hause frage ich mich, warum ich immer wieder diesen Kiosk aufsuche. Dieser Mann ist ein Ausbund an schlechter Laune, er scheint Kunden zu hassen und es ist ihm grundsätzlich nicht möglich, sich ein Lächeln abzuringen. Mal ganz abgesehen von den fragwürdigen hygienischen Bedingungen vor Ort. Warum also? Vielleicht, weil er sich nicht verstellt. Vielleicht, weil er mich an eine exzentrische Romanfigur erinnert. Vielleicht, weil ich zu faul bin, zwei Straßen weiter zum nächsten Kiosk zu laufen. Vielleicht, weil er der letzte Kioskbesitzer dieser Art ist.