Braunschweig. Es ist ein öffentliches Phänomen und zieht sich durch sämtliche Altersklassen – der Kater am Morgen nach einer der Trunkenheit gefrönten Nacht. Der einzige Unterschied zwischen den Generationen: die einen stehen am Nachmittag auf und machen sich einen Fünf-Bohnen-Kaffee, die anderen schlafen zwei Tage durch und testen folglich, wie viele Kopfschmerztabletten wohl zielführend sind. Er ist es – der Morgen danach. Der der Omnipräsenz des Alkohols geschuldeter Kater am nächsten Tag.
Es ist hell, viel zu hell. Stadionähnliches Flutlicht dringt in das Schlafzimmer ein, erlaubt weder Schatten noch Schlupfloch. Die draußen zwitschernden Vögel klingen verdächtig nach einer Open-Air-Inszenierung der Zauberflöte. Die im Hause herumwuselnden Kinder machen Geräusche, wie Teenies bei einer Ticket-Verschenk-Aktion von Tokio Hotel. Hinzu kommt, dass die nette Nachbarin von oben eine Art dauerhafte Beziehung zu ihrem Staubsauger zu pflegen scheint. Und dann kommt es – dieses Pochen. Diese alles durchdringenden Schmerzen. Der Wunsch nach Erlösung. Das Versprechen, nie wieder Alkohol zu trinken, wenn doch bloß nur diese Kopfschmerzen aufhören mögen.
Nach zwei Tabletten und eineinhalb Flaschen Wasser überlegt man dann, wie viel man wohl getrunken haben mag. Nicht viel. Zwei Gläser Wein, ein paar Bier, einen Jägermeister. Geht doch. Es war auch gar nicht so spät gestern. Wie spät mag es wohl sein? Bei einem Blick auf die Uhr stellt man dann fest, es ist 12.30 Uhr. Gut, ein Spaziergang auf den Wochenmarkt lohnt nicht mehr, aber der Tag ist ja noch jung. Nach einer Dusche und einem Becher Kaffee sieht die Welt schon anders aus. Einfach vor den Fernseher kuscheln und schauen, was läuft. Presseclub, sehr schön. Presseclub? Der läuft doch nur sonntags – das kann nicht sein. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sollte man einen Blick in den Kalender werfen. Wenn einem dann auffällt, dass man zwar am Freitagabend bei Freunden zum Dinner mit Umtrunk eingeladen war, der Tag des Erwachens jedoch ein Sonntag ist, ist folglich eines ziemlich klar: nächstes Mal gibts nur Wasser, höchstens ein Alster.
KolumneHeute: Der Morgen danach
von Sina Rühland
| Foto: Sina Rühland
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