Pi(n)kant: Piep, piep, wir haben uns alle lieb!

Zum vorerst letzten Mal erscheint hier die Kolumne von Bürgermeister a.D. Thomas Pink, der jetzt zurück in die Kommunalpolitik will, um sich dem Wattebäuschchen-Weitwurf entgegen zu stellen.

von Thomas Pink


"Wir sehen uns wieder" - Thomas Pink will wieder in die Kommunalpolitik.
"Wir sehen uns wieder" - Thomas Pink will wieder in die Kommunalpolitik. | Foto: regionalHeute.de

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Liebe Leserinnen und Leser, nach einem wunderschönen Urlaub in Italien, melde ich mich erholt und gut gelaunt zurück. Unsere italienischen Nachbarn und Partner haben wie wir mit zum Teil großen Problemen zu kämpfen. In unserem Urlaubsort, der in einer Region liegt, in der die Corona-Seuche ganz am Anfang 2020 bestialisch zugeschlagen hat, kämpfen die Orte um ihre Innenstädte. Erhebliche Geschäftsleerstände, große Wetterprobleme durch den Klimawandel mit katastrophalen Unwetterereignissen und all ihren Folgen und die allgemeinen Weltkrisen, die auch vor Italien nicht Halt machen! Aber trotzdem eine Bevölkerung, die ihre Zuversicht, ihre Fröhlichkeit, ihren Humor und vor allem ihren Stolz behalten hat.



Eine Lebenseinstellung, von der wir ewig rumnölenden, kritisierenden, jammernden und sich bemitleidenden, kraftlosen Deutschen eine Menge lernen können. Auch dort wird die Ministerpräsidentin, Frau Meloni, zum Teil heftig kritisiert. Man schäumt aufgrund der erneuten Pleite in der Fußball-WM-Qualifikation und diskutiert selbstverständlich über Gott und die Welt, aber immer mit einer besonderen Note Humor. Unser „Humor“ bewegt sich hingegen immer schneller in Richtung Zynismus und oft in unerträgliche Hasstiraden in den von mir so geliebten Un-Sozialen Netzwerken.

Es ist schon bemerkenswert, wie hier die Verantwortungsträger aller Ebenen dieses Landes attackiert werden. Politische Entscheidungen, wenn nötig auch sachlich hart und ironisierend zu kritisieren ist das eine; das andere ist, in pauschalisierender Weise „die Politik“, „die so genannten Altparteien“, für alles verantwortlich zu machen. Und besonders hierbei tun sich Zeitgenossinnen und -genossen hervor, die für diese Gesellschaft - Bund, Land, Stadt- oder Ortsgesellschaft - noch nicht ein einziges Mal den manikürten Finger krumm gemacht haben.

Hier beobachte ich sehr aufmerksam einige Protagonisten, die sich förmlich in ihrer selbstgefälligen Kritik wie früher in Tiroler Nussöl baden, ohne jegliche Hintergründe zu beachten oder zu kennen und die jedes, aber auch wirklich jedes Thema „besetzen“ und scheinbar beherrschen und dann auch noch mit weinenden Riesen-Emojis versuchen, ihren Geisteserguss zu illustrieren. Wenn dann ihre literarischen Geistesblitze auch noch in einer Art des frühen Mittelhochdeutsch zu digitalem Papiere gebracht werden, weiß ich, was das Stündchen geschlagen hat.

Früher war bekanntermaßen alles besser, denn deren Kommentar-Pinsel der Vergangenheit malt stets gülden. Dass vieles so beliebig geworden ist, liegt auch ein gehöriges Stückchen weit an (...jetzt kommt des alten weißen Mannes Medienschelte!) der Presse. Oft sind die Redakteurinnen und Redakteure schlicht überfordert, vor allem, wenn es um schwierige Themen, wie öffentliche Haushaltsfragen, baurechtliche Themen oder politische Abläufe und Zusammenhänge geht, was besonders schmerzhaft in der papiernen Lokalzeitung offenkundig ist. Überschriften passen nicht zu den dann folgenden Inhalten und man ist dann bass erstaunt, was im Text steht. Da war früher wirklich alles besser und vor allem inhaltsvoller, auch wenn man sich natürlich schon damals über die Journaille geärgert hat.

Oft in Ermangelung örtlicher Kenntnisse, Interna und Besonderheiten in kommunaler Politik und Gesellschaft und daraus resultierender Recherchezurückhaltung präsentiert man dann oft in ganzseitiger Darstellung nicht nur aus meiner Sicht, irrelevante Inhalte. So erzählt man uns dreimal im Jahr, welcher hiesige Imbiss von der geneigten Leserschaft zum „besten Restaurant“ in der Stadt gewählt wurde. Man informiert uns vierteljährlich über den Ladenleerstand in der Stadt ohne eine sich daraus ergebende Folge! Stattdessen zwängt man immer häufiger so manche persönlichen Schicksale ans Licht der Öffentlichkeit, die da im Lichte betrachtet nicht hingehören. Sosehr diese Schicksale oft ganz schlimmes, individuelles Leid oder aber auch manch beeindruckende persönliche Leistung darstellen und mir die Menschen natürlich auch sehr leidtun oder ich sie sehr bewundere, gehören nun aber auch nicht alle Wechselfälle des Lebens in die Tageszeitung. Hier passt der Satz eines ehemaligen Bürgermeisterkollegen, öffentlich geäußert, hin, der einmal sagte: Wen interessieren unsere Probleme schon? Woanders ist es auch scheiße!

Besonders hellhörig werde ich, und schalte regelmäßig in den digitalen Medien, Fernsehen, Radio ab oder um, blättere in papierenen Medien weiter, wenn sogenannte „Experten“ zu Wort kommen! Besonders hervortut sich da, nach meinen persönlichen wissenschaftlichen Forschungen, Focus online! Herrlich, zu welchen weltpolitischen, militärischen, Stoffwechsel und Darm, Leber und geschmackssinnbeeinflussenden, klimatischen, ernährungswissenschaftlichen und beziehungsrelevanten Faktoren sich sogenannte Experten lösen! Dieses Expertensyndrom feiert natürlich in Fußball-WM-Zeiten inflationäre Hochzeiten.

Sei es drum! Liebe Kolumne-Freunde und auch Hasser, Sie lesen heute vorläufig das letzte Mal Pink´s Gesafte! Es hat mir die letzten Jahre sehr viel Freude bereitet, manchen Spaß zu bereiten, aber auch ein wenig zu sticheln und anzuecken. Der Grund ist einfach! Mein ganzes Leben hat mich Kommunalpolitik für meine Heimatstadt fasziniert. Es ist wunderbar, ein wenig die unmittelbaren Abläufe mitzugestalten. Um noch einmal auf die o.a. Doppel-Feinripp-Kommentatoren auf Facebook zu sprechen zu kommen, möchte ich eben nicht als provinzieller „Ekel Alfred Verschnitt“ enden, sondern habe mich nach intensivem Drängen meiner Ehefrau und langen Überlegungen dazu entschieden, noch einmal für fünf Jahre für den Rat der Stadt Wolfenbüttel zu kandidieren!

Ich weiß jetzt schon, was kommt: „Die arme Frau ist froh, wenn der alte Schlaukopp Beschäftigung hat und mal aus dem Hause ist!“ Mag auch sein! Grins! Als Einzelkandidat und tatsächlich unabhängig kandidiere ich, weil ich glaube, dass ich ein wenig Erfahrung und klitzekleines Wissen einbringen kann und weil Kommunalpolitik überhaupt das Festmahl der Politik ist und mir in den letzten Jahren ein wenig die Würze in der Suppe fehlte! Aus meiner Sicht thematisch oft zu vegan, um zeitgeistlich zu argumentieren und ein bisschen zu viel „piep, piep, wir haben uns alle lieb – Kultur“. Demokratie lebt von Diskussion und dem Ringen um beste Entscheidungen und ist nichts für Lau-Bader.

Hier zitiere ich einen von Herrn Bürgermeister Lukanic beim Jahresempfang 2026 geäußerten Aspekt: „Mit Blick auf die anstehenden Wahlen appellierte Bürgermeister Lukanic an alle Kandidierenden, einen von Fairness und Sachlichkeit geprägten Wettbewerb zu führen und sich schützend gegen spaltende, demokratieverächtliche Stimmen zu stellen.“ Recht hat er! Aber Wettbewerb heißt auch kritische Auseinandersetzung zu Themen, ehrlich bilanzieren, andere Ideen einzubringen und selbstkritisch zu sein und nicht Wattebäuschchen-Weitwurf! Und Schutz der Demokratie heißt auch, die Gefährder konkret zu benennen und nur weil etwa u.a. die AfD in den letzten Jahren hier vor Ort kaum vorkam, reicht es nicht aus, diesen Verein totzuschweigen. Die Situation im Lande ist leider die, dass diese Truppe zwischenzeitlich ein Bataillon an Straßenpylonen aufstellen kann, um in Parlamente gewählt zu werden.

Mit besten Grüßen verbleibe ich sehr dankbar,
Ihr Thomas Pink. Wir sehen uns.