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Wie viele Impfdosen im Großraum Braunschweig landen im Müll?



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Wie viele Impfdosen landen im Müll?

Der Corona-Impfstoff ist extrem sensibel und muss schnell verimpft werden. Dabei kann es vorkommen, dass angebrochene Ampullen nicht mehr verwendet werden können. Doch wie oft passiert das und wie viel landet im Müll? regionalHeute.de hat einmal bei den Kommunen nachgefragt.

von Anke Donner


Symbolbild
Symbolbild Foto: Rudolf Karliczek

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Region. Große Kritik und Aufregung gab es Anfang der Woche darüber, dass sich Peines Landrat Hans Einhaus und dessen Erster Kreisrat Henning Heiß haben impfen lassen, obwohl sie noch gar nicht an der Reihe waren. Einhaus rechtfertigte sich damit, dass es bei der bei ihm verimpften Dosis um eine "nicht mehr verwertbare" Menge handelte, die sonst weggeschmissen worden wäre. Doch wie oft kommt es vor, dass ein Vial (Ampulle) nicht mehr verwertbar ist. Und wie oft landet es dann im Müll?



Seit Beginn der Impfungen in Niedersachsen kommt es immer wieder zu Engpässen des Impfstoffes. Das Mittel ist rar und Kommunen bekommen Impfstoffe nur auf Zuteilung. Jedes Vial wird gebraucht - vor allem, um die Menschen zu schützen, die am meisten geschützt werden müssen. Ältere Menschen und solche, die unmittelbar mit der Pandemie zu tun haben. Das wird ganz klar in der Impf-Strategie festgelegt. Wenn dann ein Landrat, Kreisrat, Klinik-Geschäftsführer oder Verwaltungsmitarbeiter auf das kostbare Gut zugreifen, sorgt das für Empörung und Unverständnis. Im Falle des Peiner Landrates Einhaus soll es sich um "nicht mehr verwertbare Impfreste" gehandelt haben. Der Zufall wollte es offenbar, dass gerade Einhaus und Heiß zur Stelle waren, als das Mittel übrig war. Doch hätte es nicht an jemanden anders verimpft werden können oder gar müssen? Und wie oft passiert es eigentlich, dass Impfstoffe übrig bleiben und was geschieht dann damit? regionalHeute.de hat bei den Kreis-und Stadtverwaltungen, die in der Region die Impfungen organisieren und durchführen, nachgefragt.

"Reste" lassen sich nicht vermeiden


Auf Nachfrage von regionalHeute.de teilte Maximilian Strache, Sprecher des Landkreises Goslar mit, dass man durch ein gutes Impfstoffmanagement bemüht sei, möglichst wenige angebrochene Ampullen übrig zu behalten. "Trotz dessen lässt es sich nicht immer vermeiden, dass ein Vial angebrochen werden muss, um noch einzelne Personen im Pflegeheim oder im Impfzentrum zu versorgen. Verbleibende Dosen werden dann an erstprioritär zu impfende Personen verimpft, beispielsweise Rettungssanitäter, Notärzte, ambulante Pflegekräfte. Der Landkreis agiert hier ausschließlich Verordnungskonform", so Strache.


Und auch aus der Stadt Salzgitter wird ebenfalls vermeldet, dass bei den Impfungen durch die mobilen Teams in den Einrichtungen sorgfälltig und besonnen mit den Impfstoffen umgegangen werde. Sofern dort „Reste“ entstanden sein sollten, seien entweder anwesende – bisher nicht geimpfte- Mitarbeiter des Impfteams geimpft worden oder diensthabende Mitarbeiter des Rettungsdienstes zur Impfung in die Einrichtung „einbestellt“. "Es ist bisher in nahezu allen Fällen gelungen den Impfstoff vollständig zu verbrauchen, bei über 3.600 verabreichten Impfdosen liegt der Verwurf bei weniger als 10 Impfdosen", sagt Salzgitters Pressesprecherin Simone Kessner und betont, dass bei den Impfungen der Mitarbeiter des Rettungsdienstes im Impfzentrum die Anzahl der zu impfenden Mitarbeiter im Vorfeld exakt geplant wurde und dort keine Reste entstanden seien.

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Im Landkreis Helmstedt zeigt sich ein ähnliches Bild. Auch hier teilte die Kreisverwaltung mit, dass am Ende des Tages gegebenenfalls noch Impfdosen übrig sein könnten, da aus den Impfstoff-Ampullen mehrere einzelne Impfdosen entnommen werden. "Wurde eine Ampulle geöffnet und zur Impfung vorbereitet, so ist der Impfstoff innerhalb weniger Stunden zu verimpfen. In solchen Fällen wird hier im Helmstedter Impfzentrum so verfahren, dass damit unter Einhaltung der vorgegebenen Prioritäten nach Corona-Impfverordnung kurzfristig Personen geimpft werden, welche andernfalls erst am Folgetag oder sonst zeitnah geimpft worden wären", lässt Christoph Neddermeier, Leiter des Impfzentrums Helmstedt wissen.




Aus Wolfsburg teil man auf Anfrage mit, dass bislang ambulante Impfteams in den Alten- und Pflegeheimen mit dem Impfstoff von Biontech geimpft haben. Dieser Impfstoff werde in mit Trockeneis gefüllten Thermoboxen geliefert. Die Vials werden bei Minus 78 Grad gelagert. Trockeneis ist gefrorenes Kohlendioxid. Entnommen werden die Vials mit Schutzhandschuhen, sonst besteht die Gefahr von Erfrierungen. Anfangs seien die Vials noch in Kühlboxen mit minus 20 Grad in die Pflegeheime transportiert und dort erst aufgetaut worden. Inzwischen würde es von Biontech die Auskunft geben, dass der Impfstoff im Kühlschrank bei 2°C aufgetaut werden kann und dort bis zu 120 Stunden stabil sei. "Sowohl in den mobilen Impfteams, wie auch bei den Impfstraßen kann es vorkommen, dass die geplanten Impfungen nicht so durchgeführt werden können wie geplant. Sollte diese Situationen eintreten, dass Impfdosen „übrig“ sind und auch nicht mehr transportiert oder „aufgehoben“ werden können gibt es eine Liste mit Personen der Kategorie 1 gemäß der Corona-Impfverordnung. Diese Personen werden dann benachrichtigt, dass sie kurzfristig geimpft werden können. So wird sichergestellt, dass keine Impfdosen verfallen oder vernichtet werden müssen", ließ die Stadtverwaltung wissen.

Auch aus dem Landkreis Gifhorn heißt es, dass grundsätzlich alle Impfdosen verimpft werden. "Sollten am Ende des Tages Dosen übrig bleiben, werden diese an berechtigte Personen aus der Gruppe der höchsten Priorität wie beispielsweise Mitarbeiter des Rettungsdienstes verimpft. Wie viele Impfdosen in Ausnahmefällen verworfen werden müssen, kann tatsächlich im Nachhinein rechnerisch nicht festgestellt werden, da nicht immer sechs Impfdosen aus einem Vial entnommen werden können, sondern in seltenen Fällen nur fünf. Es handelt sich aber wenn überhaupt nur um Kleinstmengen", so Landrat Dr. Andreas Ebel.

Kostbares und sensibles Gut


Eines steht also fest: Der Corona-Impfstoff ist nicht nur rar, sondern auch extrem sensibel. Hersteller BioNTech hat bereits vor der Freigabe des Impfstoffes darauf hingewiesen, dass der Impfstoff nur unter besonders strengen Auflagen verwendet werden darf. Der Impfstoff muss grundsätzlich im Gefrierschrank oder auf Trockeneis bei -90 °C bis -60 °C gelagert werden. Nach dem Herausnehmen aus dem Gefrierschrank oder dem Trockeneis kann der ungeöffnete Impfstoff vor der Verwendung bis zu 5 Tage bei 2 °C bis 8 °C und bis zu 2 Stunden bei Temperaturen bis 30 °C gelagert werden. Nach dem Auftauen darf der Impfstoff nicht erneut eingefroren werden. Er muss in der Originalverpackung aufbewahrt werden, um den Inhalt vor Licht zu schützen.

Auf Anfrage erklärt Gifhorns Landrat Dr. Andreas Ebel auch, wie kann es dazu kommen kann, dass Impfdosen nicht mehr verwertbar oder am Ende des Tages "übrig" sind. Dabei bezieht er sich auf den Impfstoff von BioNTech, da bisher ausschließlich dieser im Landkreis Helmstedt verimpft wurde. "Nicht verwertbar kann ein Impfstoff sein, wenn sich nach der Aufbereitung Trübungen zeigen. Dann ist er zu vernichten. Wenn bestimmte Zeitfenster für die Verwendung des Impfstoffs überschritten werden, kann es ebenfalls sein, dass er vernichtet werden muss. Aus einem Vial von BioNTech können fünf oder sechs Impfdosen gezogen werden. Es kann es sein, dass die Anzahl der impfbereiten Personen in den Pflegeeinrichtungen nicht durch 5 oder 6 teilbar ist und somit in dem letzten Vial Impfdosen übrig bleiben. Da dieser Impfstoff dann bereits für die Verabreichung verdünnt ist, kann er somit auch nur noch maximal sechs Stunden gelagert werden", so Ebel.

Ist die Kühlkette erst einmal unterbrochen, muss der Impfstoff schnell verbraucht werden.
Ist die Kühlkette erst einmal unterbrochen, muss der Impfstoff schnell verbraucht werden. Foto: Alexander Dontscheff


Vor dem Impfen wird der angelieferte Impfstoff mit Natriumchlorid verdünnt. Die Haltbarkeit des verdünnten Impfstoffs beträgt maximal sechs Stunden bei 2 bis 30 °C. Bis zum 15. Januar galt, dass der verdünnte Impfstoff nicht transportiert werden durfte. Nach neueren Erkenntnissen gilt seit dem 15. Januar, dass der verdünnte Impfstoff vorsichtig bei 2 bis 8 °C transportiert werden darf. Während des Transports sollten Durchstechflaschen und/oder vorbereitete Spritzen sicher verpackt sein, sodass sie aufrecht stehen und nicht lose sind oder rollen. Außerdem sollten sie nicht direkt mit Kühlmaterial wie zum Beispiel Gelpacks in Berührung kommen. Erschütterungen während des Transports müssen unbedingt vermieden werden, da der Impfstoff sonst unbrauchbar wird. Der Impfstoff muss während des Transports durchgehend bei 2 bis 8 °C gekühlt werden, um die Stabilität zu bewahren.

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In Braunschweig, so teilt es die Pressestelle der Stadtverwaltung auf Nachfrage mit, würden Impfstoffe, die am Ende eines Tages "übrig bleiben", an Mitarbeiter der Rettungsdiesnste verimpft werden. Stadtsprecher Adrian Foitzik: "Nicht verwertbare Impfdosen gibt es im Impfzentrum Braunschweig nicht", so Foitek und erklärt das Prozedere in Braunschweig. Aus jeder Impfstoffflasche Biontech werden in der Regel 6 Spritzen, bei Astra Zeneca sind es 11 Spitzen entnommen. Die Spritzen würden zeitnah vor der Impfung durch medizinische Fachpersonal aufgezogen.

Der Transport erfolge ausschließlich gekühlt, damit eine durchgehende Kühlkette gewährleistet wird. Transportiert werde ebenfalls nur der Impfstoff, das Aufziehen der Spritzen erfolge dann erst vor Ort in der Einrichtung kurz vor dem Verspritzen. Der Biontech- Impfstoff wird im Impfzentrum tiefgefroren gelagert, jeweils die erforderliche Tagesdosis wird am Abend vorher aufgetaut, damit er morgens zum Impfen zur Verfügung steht. Aufgetauter Impfstoff muss innerhalb von fünf Tagen verbraucht werden, das wird entsprechend dokumentiert und sichergestellt. Der Impfstoff der Firma AstraZeneca werde nur gekühlt gelagert und sei so mehrere Monate haltbar.

"Sowohl im Zentrum als auch bei den mobilen Teams kann es passieren, dass die Anzahl der vorbereiteten Spitzen pro Impfstoffflasche nicht genau aufgeht, das heißt, wenn beispielsweise nur noch drei Patienten für eine Impfung vorgesehen sind, wird eine weitere Flasche Biontech angebrochen. Es werden dann nur drei Spritzen an Patienten verimpft und es verbleiben ggf. drei weitere Spritzen, die nicht mehr an die vorab geplanten Personen in der entsprechenden Einrichtungen verimpft werden. Diese drei verbleibenden Spritzen werden dann stets an die Mitarbeiter der Rettungsdienste verimpft. Wir haben in Braunschweig fünf Rettungsdienste (ASB, Johanniter, DRK, Malteser, Berufsfeuerwehr und Welfenambulanz), die jeweils abwechselnd angerufen werden, wenn noch Spritzen mit Impfstoff am Ende eines Impftages vorhanden werden", erklärt Foizik weiter.

Innerhalb weniger Stunden verwenden


Aufgezogene Spritzen müssten dann entsorgt werden, wenn sie nicht innerhalb von 6 Stunden verimpft worden sind. Gleiches würde für den Impfstoff gelten. Wenn die Kühlkette nicht konsequent eingehalten würde, müsste dieser Impfstoff ebenfalls entsorgt werden. Weiterhin könnte es theoretisch vorkommen, dass Impfstoff entsorgt werden müsste, wenn Fehler beim Anmischen des Impfstoffs gemacht werden, beispielsweise durch ein falsches Mischungsverhältnis. Es komme jedoch sehr selten vor, dass einzelne Impfdosen verworfen werden müssen. Allen Mitarbeitern sei bewusst, dass der Impfstoff ein wertvolles Gut ist. Zudem seien die Abläufe des Impfens inklusive Impfstoffvorbereitung so geplant, dass stets mit großer Sorgfalt und hoher Achtsamkeit mit dem Impfstoff umgegangen wird.

Kein Impfmittel landet im Müll


Der Landkreis Wolfenbüttel teilte auf Nachfrage mit, dass es keine „nicht verwertbaren“ Impfdosen geben würde. "Sollte eine Impfdosis aber dennoch einmal verdorben sein, beispielsweise durch Probleme in der Kühlkette, würde sie gemeinsam mit dem regulären Impfabfall entsorgt werden", betont Landkreissprecher Andree Wilhelm und erklärt, dass im Impfzentrum Wolfenbüttel der Biontech-Impfstoff in einem Ultratiefkühlschrank bei -70 Grad gelagert werde. Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen werde der Impfstoff aus dem Trockeneis genommen. "Hier muss schnell gearbeitet werden, damit die Kühlkette eingehalten wird. Es werden ausschließlich die für den Tag benötigten Impfstoffe entnommen. Der Impfstoff muss drei Stunden auftauen. Das geschieht in einem Kühlschrank bei 2-8 Grad. Danach wird das Vakzin in eine Kühlbox gegeben, um die Kühlkette bis zur Einrichtung einzuhalten. Aufgetaut, aber unter Kühlung, ist der Impfstoff rund fünf Tage haltbar. Am Zielort wird er verdünnt und ist bei Raumtemperatur etwa sechs Stunden haltbar. Aus hygienischen Gründen muss eine aufgezogene Spritze innerhalb einer Stunde verabreicht werden. Aus einer Phiole werden bis zu sechs Dosen für sechs Patienten entnommen; die Impfung erfolgt durch den Arzt oder die Ärztin oder impfberechtigte Person",erklärt Wilhem.

Der Biontech-Impfstoff sei sehr empfindlich. Erschütterungen müssten dabei vermieden werden. Wenn eine Phiole oder aufgezogene Spritze herunterfällt, sei der Impfstoff nicht mehr verwertbar und müsste entsorgt werden.

Die Impfdosen werden bei geplanten Terminen abgezählt und auf die Zahl der impfberechtigten und –willigen Personen abgestimmt. Es könne aber immer Gründe geben, dass eine eingeplante Person an diesem Tag doch nicht zur Impfung erscheint, so dass hier Dosen übrig bleiben. Dies würde aber nur wenige Dosen betreffen, betont Wilhelm und versichert, dass wenn am Ende des Tages dennoch einzelne Impfungen übrig sein sollten, diese gemäß der Bundes-Impfverordnung an berechtigte Personen verimpft werden. Dass Impfdosen entsorgt werden, komme nicht vor, versichert Wilhelm.


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