"Die Toten von Wolfenbüttel" zeigen das "pralle Leben" im 17. Jahrhundert

In einer Kooperation von Archäologie, Anthropologie und Geschichtswissenschaft werden in der Ausstellung quasi die Toten zum Sprechen gebracht.

Die Sonderausstellung "Die Toten von Wolfenbüttel" ist bis zum 29. November 2026 im Schloss Museum zu sehen.
Die Sonderausstellung "Die Toten von Wolfenbüttel" ist bis zum 29. November 2026 im Schloss Museum zu sehen. | Foto: Andreas Greiner-Napp / Museum Wolfenbüttel

Wolfenbüttel. Das Schloss Museum Wolfenbüttel zeigt seit dem heutigen Donnerstag bis 29. November 2026 die Sonderausstellung „Die Toten von Wolfenbüttel - eine Ausstellung über das Leben in der Frühen Neuzeit“. Anders, als es der Titel erahnen lässt, handelt die Ausstellung nicht vom Tod in der Frühen Neuzeit. Vielmehr beleuchtet die Schau das Leben der im 17. und 18. Jahrhundert auf dem Friedhof vor der Hauptkirche begrabenen Wolfenbütteler Oberschicht. Das berichtet das Museum Wolfenbüttel in einer Pressemitteilung.



Die erstmalige wissenschaftliche Zusammenarbeit und Forschungsarbeit von Archäologie, Anthropologie und Geschichtswissenschaft brachte zum Teil Verblüffendes, Skurriles und Unerwartetes zutage – eine sehenswerte Auswahl der Ergebnisse sei im Museum zu sehen.

Der alte Friedhof der Kirche am Kornmarkt


Rückblick: Im Frühsommer 2015 fanden nördlich der Wolfenbütteler Hauptkirche Beatae Mariae Virginis großflächige Straßenbauarbeiten statt. Im Zuge dieser Arbeiten wurde auch der alte Friedhof der Kirche am Kornmarkt durch archäologische Ausgrabungen freigelegt. Von 1650 bis ins 18. Jahrhundert wurden hier in Erbbegräbnissen Wolfenbütteler Familien bestattet. Wie in Familiengrüften fanden Angehörige der Oberschicht in diesen Erdbestattungen, die in dieser Form bisher von keinem anderen Friedhof in Deutschland bekannt sind, ihre letzte Ruhe.

Ivica Lukanic, Dr. Bettina Jungklaus, Dr. Silke Wagener-Fimpel, Markus Gröchtemeier und Dr. Sandra Donner (v. li.).
Ivica Lukanic, Dr. Bettina Jungklaus, Dr. Silke Wagener-Fimpel, Markus Gröchtemeier und Dr. Sandra Donner (v. li.). Foto: Museum Wolfenbüttel


In einem Forschungsprojekt wurden in den folgenden Monaten Gräber freigelegt, dokumentiert, geborgen und mehr als 80 Skelette anthropologisch untersucht. Dank eines Begräbnisbuchs mit Friedhofsplan aus dem Jahr 1747 konnten die unbekannten Toten anschließend identifiziert und die Ergebnisse der Untersuchungen mit historischen biografischen Quellen in Zusammenhang gebracht werden.

Krankenakte aus der Zeit des Barocks


„Wir freuen uns, dass das Museum Wolfenbüttel die Forschungsergebnisse und Grabungsfunde der archäologischen Ausgrabungen an der Hauptkirche zeigen kann. Das damalige Projekt ist bis heute einmalig, denn nie zuvor hatten Archäologie, Anthropologie und Geschichtswissenschaft im Rahmen einer Grabung zusammengearbeitet und bei den wissenschaftlichen Auswertungen für ein solch verdichtetes Bild gesorgt“, sagte Dr. Sandra Donner, Leiterin des Museums Wolfenbüttel, in dessen Räumlichkeiten die Schau bis Ende November 2026 zu sehen ist.

Das originale Begräbnisbuch der BMV von Christoph Woltereck, 1747.
Das originale Begräbnisbuch der BMV von Christoph Woltereck, 1747. Foto: Andreas Greiner-Napp / Museum Wolfenbüttel


„Wir halten quasi nicht nur eine Krankenakte Barock in den Händen, sondern können jetzt viel mehr darüber sagen, wie unerwartet privilegiert oder sogar verschwenderisch das gehobene Bürgertum trotz des gerade erst zu Ende gegangenen Dreißigjährigen Krieges zwischen etwa 1650 und 1750 in Wolfenbüttel gelebt hat und wie weit es bereits reiste. Die Toten von Wolfenbüttel ermöglichen uns die Rekonstruktion des zum Teil prallen Lebens im 17. Jahrhundert in dieser Stadt mit dem Blick auf allerhand außergewöhnliche Lebensgeschichten und Berufsbilder.“

Die originalen Ausstellungsstücke, die das Wohnen und Leben in dieser Zeit in Wolfenbüttel anschaulich darstellen, stammen ausschließlich aus dem Bestand des Schloss Museums.

Tote zum Sprechen gebracht


Durch die Zusammenarbeit von Archäologie, Anthropologie und Geschichtswissenschaft können nicht nur einzelne Lebensläufe nachgezeichnet und Familiengeschichten erzählt werden, sondern es ergeben sich auch neue Erkenntnisse über das Leben in Wolfenbüttel in der Frühen Neuzeit. Aus den anthropologischen und genetischen Analysen der Skelette können fundierte Aussagen zu den biologischen Lebensgeschichten, dem Gesundheitszustand und der Ernährungslage getroffen werden. Die archivalischen Quellen wie Prozessakten, Nachlassinventare, Leichenpredigten und Kirchenbücher geben Auskunft über das Leben nach dem Dreißigjährigen Krieg, über Liebe, Streit, Gewalt, Krankheit und Tod.

Solche Möbel und Einrichtungsgegenstände befanden sich im 17. Jahrhundert auch in den Häusern der Wolfenbütteler Oberschicht.
Solche Möbel und Einrichtungsgegenstände befanden sich im 17. Jahrhundert auch in den Häusern der Wolfenbütteler Oberschicht. Foto: Andreas Greiner-Napp / Museum Wolfenbüttel


Dr. Silke Wagener-Fimpel, Historikerin und stellvertretende Leiterin des Niedersächsischen Landesarchivs, Abteilung Wolfenbüttel, erläutert das an einigen Beispielen:

„Nach der Beerdigung des herzoglichen Hauskochs Lüddeke Möser Ende 1669 erstellte dessen Sohn eine genaue Aufstellung aller Ausgaben. Sie ermöglicht eine detaillierte Rekonstruktion von Mösers letzter Krankheit und der aufwendigen Beerdigung. So wissen wir beispielsweise genau, was beim Leichenschmaus aufgetischt wurde und was die Trauerkleidung, der Leichenstein und sogar der in der Ausstellung gezeigte Sarggriff gekostet haben. Anhand ihrer Leichenpredigt lassen sich die dramatischen letzten Stunden der jungen Frau des Kammersekretärs Widdeke, die mitsamt ihrem ungeborenen Kind bei der Niederkunft verstarb und deren Grab 2015 als eines der ersten gefunden wurde, genau nachvollziehen. Mehrere Nachlassinventare eröffnen faszinierende Einblicke in die prächtige Einrichtung der Wohn- und Wirtschaftsräume, unter anderem das Haus am Schlossplatz 18 mit der blauen Tür, wo einst der weitgereiste Sekretär Augustus Meyer lebte.“


Ein Sarggriff aus den Erbbegräbnissen neben der Hauptkirche in Wolfenbüttel.
Ein Sarggriff aus den Erbbegräbnissen neben der Hauptkirche in Wolfenbüttel. Foto: Andreas Greiner-Napp / Museum Wolfenbüttel


„Eine besondere Chance und seltener Glücksfall für die anthropologische Forschung bieten persönlich identifizierte Skelette. Die Ergebnisse der anthropologischen und naturwissenschaftlichen Untersuchungen ermöglichen einen tiefen Einblick in das Leben der Menschen in der Frühen Neuzeit. Krankheiten, die wir heute so nicht mehr kennen, werden nachweisbar und Einzelschicksale zeigen sich, so zum Beispiel die Wolfenbüttelerin Agnes Catharina Stockhausen, die im Alter von 55 Jahren an Syphilis verstarb und ihre drei letzten Kinder bei der Geburt damit infizierte“, so die freiberufliche Anthropologin Dr. Bettina Jungklaus.

Rekonstruktion des Lebens


Das Schloss Museum Wolfenbüttel präsentiert in Zusammenarbeit mit der Anthropologin Dr. Bettina Jungklaus, der Historikerin und Archivarin Dr. Silke Wagener-Fimpel, die für die Erforschung der archivalischen Quellen verantwortlich ist, und dem Bezirksarchäologen Tobias Uhlig eine Rekonstruktion des Lebens im Wolfenbüttel der Frühen Neuzeit. Anhand von Grabungsfunden, Originalmobiliar, Kupferstichen, Kirchenbüchern, seltenen Schriftquellen aus der Abteilung Wolfenbüttel des Niedersächsischen Landesarchivs und vielem mehr gewährt die Ausstellung ungeahnte Einblicke in das Leben der „Toten von Wolfenbüttel“.

Die Ausstellung entstand in Kooperation mit dem Braunschweigischen Landesmuseum, dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege, Braunschweig, der Universität Göttingen und der Arcontor Projekt GmbH. Sie ist vom 23. April bis 29. November 2026 jeweils Dienstag bis Sonntag, von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

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