Braunschweig. Die Gerüchte gab es schon seit Wochen, jetzt steht fest, was sich in diesem Sommer in der ehemaligen JVA Rennelberg abspielen wird: Das Festival Theaterformen kehrt zurück nach Braunschweig und bietet reichlich Performance-Kunst und -Kultur – unter anderem eben im ehemaligen Gefängnis.
Mit 14 Produktionen von Künstlern aus 14 Ländern findet das Festival Theaterformen, das jedes Jahr zwischen den Veranstaltungsorten Hannover und Braunschweig wechselt, diesmal auf den Bühnen des Staatstheaters Braunschweig statt und macht erstmals die ehemalige JVA Rennelberg für das Publikum zugänglich, heißt es in einer Pressemitteilung des Festival-Teams.
Internationales Programm aus Theater, Tanz und Performance
Festivalleiterin Anna Mülter hat am heutigen Dienstag das Programm 2026 vorgestellt. An elf Tagen im Juni präsentiert das Festival erneut ein vielseitiges internationales Programm aus Theater, Tanz und Performance.
In ihrer sechsten und somit letzten Ausgabe zeigt Mülter aktuelle Arbeiten, die gesellschaftliche Fragen mit den Mitteln des Theaters verhandeln: Dabei geht es um Balanceakte gegen Ungerechtigkeit und die Grenzen der normativen Schwerkraft sowie um Mechanismen des Reality-TV. Es geht um Pop-Ikonen und andere Rollenbilder, um Familienverhältnisse und -formen zwischen biografischer Erzählung und Fiktion sowie um Opfer gewaltsamen Verschwindens. Es geht außerdem um die unsichtbare Arbeit hinter dem Samtvorhang, die beim Bewegen durch die Welt geleistet wird, und um die Zerstörung von Lebensräumen durch Kupferabbau.
Projekt NO PRISON zieht in der JVA Rennelberg ein
Das Projekt NO PRISON in der ehemaligen JVA Rennelberg setzt einen Schwerpunkt auf das Thema Gerechtigkeit. Künstler und Kollektive setzen sich in ortsspezifischen Arbeiten mit dem Ort, seiner Geschichte und verschiedenen Utopien von Freiheit auseinander. Der Parcours UNTIL WE ARE ALL FREE führt das Publikum in kleinen Gruppen durch die Zellen des ehemaligen Frauentrakts und an weitere Orte von Gebäude und Gelände.
Eingeladen sind neun Produktionen, darunter eine Uraufführung, die an den Häusern des Staatstheaters Braunschweig gezeigt werden. Fünf ortsspezifische Produktionen entstehen in der ehemaligen JVA Rennelberg sowie der Parcours UNTIL WE ARE ALL FREE, der eine Eigenproduktion ist und sieben kurze Produktionen umfasst.
Hinzu kommt ein umfangreiches Rahmenprogramm auf dem Gefängnisgelände mit Gesprächsformaten, Spaziergängen, einem Open-Air-Kinoabend, einem Vortrag, Führungen, einer Installation sowie Silent Discos im Festivalzentrum, das sich in diesem Jahr ebenfalls in der JVA Rennelberg befinden wird.
Anna Mülter über die diesjährige Festivalausgabe in Braunschweig: „In meiner letzten Ausgabe von Festival Theaterformen möchte ich nochmal etwas ganz Besonderes in und für Braunschweig machen. Die JVA Rennelberg ist kein Gefängnis mehr, aber auch noch nichts anderes: Dazwischen öffnen wir einen Möglichkeitsraum, um zusammen mit vielen internationalen Künstler*innen über Gerechtigkeit nachzudenken. Das Prinzip Gefängnis basiert darauf, Menschen zu vereinzeln und von der Gesellschaft zu isolieren. Gerade hier wollen wir
zusammenkommen und Gemeinschaft und Kunst erleben. Und auch auf den Bühnen des Staatstheaters ist ein besonderes Programm zu erleben: Es gibt Balanceakte zwischen Fiktion und biografischer Erzählung, klingende Landschaften und schillernde Pop-Ikonen und Kämpfe um und mit Familie.“
Prof. Joachim Schachtner, Niedersächsischer Staatssekretär für Wissenschaft und Kultur: „Die Theaterformen 2026 bilden den herausragenden Abschluss der künstlerischen Leitung von Anna Mülter und ihrem Team. Das Festival bringt erneut internationale Theaterkunst nach Niedersachsen und setzt starke Impulse für Diversität und Inklusion. Mit der ehemaligen JVA als Spielort wird die gesellschaftspolitische Relevanz der Theaterformen eindrucksvoll unterstrichen.“
Prof. Dr. Anja Hesse, Kulturdezernentin der Stadt Braunschweig: „Das diesjährige Festival, das Anna Mülter gemeinsam mit ihrem Team für die Stadt Braunschweig kuratiert hat, bildet den krönenden Abschluss ihrer erfolgreichen Tätigkeit als Leiterin des Festivals Theaterformen. Unter ihrer künstlerischen Leitung wurde die Sichtbarkeit Braunschweigs als Tanz- und Theaterstadt weit über die Stadtgrenzen hinaus gesteigert. Zugleich wurden Barrieren abgebaut, vielfältige Publikumsgruppen erreicht und die Öffnung zur Stadtgesellschaft konsequent
vorangetrieben."
JVA Rennelberg – ein geschichtsträchtiger Ort
Dass es Mülter nun mit ihrer letzten Ausgabe des Festivals gelungen ist, einen geschichtsträchtigen Ort wie die ehemalige JVA Rennelberg zum Schauplatz internationaler Produktionen zu machen, sei ein weiterer bemerkenswerter Coup. Das Gebäude, 1884 als Kreis- und Untersuchungsgefängnis errichtet und über 140 Jahre – auch während der NS-Zeit – als Haftanstalt genutzt, trage eine besondere
historische Last in sich. "Schon das Betreten dieses Ortes dürfte im Publikum eine Vielzahl von Emotionen auslösen. Ich bin sehr gespannt auf die Produktionen, die dort gezeigt werden, ebenso wie auf die Inszenierungen im Staatstheater – im Großen und Kleinen Haus sowie im Aquarium. Das Festival Theaterformen steht für qualitätsvolles internationales Theater am Puls der Zeit“, so Hesse.

