Radschnellweg trotz Finanzkrise? Wolfenbüttel fällt Urteil

Sollte man bei einem Haushaltsloch von rund 19 Millionen Euro sparen oder in den Radverkehr investieren? Darüber hatte der Rat der Stadt Wolfenbüttel jetzt zu entscheiden.

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Ein Radschnellweg soll Wolfenbüttel mit Braunschweig verbinden.
Ein Radschnellweg soll Wolfenbüttel mit Braunschweig verbinden. | Foto: Matthias Kettling

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Wolfenbüttel. Kann sich die Stadt Wolfenbüttel bei einem Haushaltsdefizit von derzeit 19 Millionen Euro einen Fahrradschnellweg nach Braunschweig leisten? CDU und FDP im Rat der Stadt Wolfenbüttel sagen Nein, wollen die dafür nötigen 1.365.000 Euro einsparen und beantragten daher, aus dem Projekt auszusteigen. Jetzt hat der Stadtrat eine Entscheidung getroffen.



Zum jetzigen Zeitpunkt sei ein Radschnellweg nach Braunschweig nicht nötig, trug CDU-Fraktionsvorsitzender Marc Angerstein am Mittwochabend im Rat der Stadt Wolfenbüttel vor. Es gebe bereits zwei gut ausgebaute Radwege sowie weitere Radwege und Straßen, die heute schon nach Braunschweig führen. "Also, das ist ein reales Einsparpotential", unterstrich Angerstein. Zudem stellte er die Prognosen über künftige Nutzerzahlen eines Radschnellweges infrage.

Messstelle erfasst Radbewegungen


Die Stadtverwaltung hält 2.000 Fahrten am Tag auf einer solchen Verbindung für realistisch. Eine Zahl, die auf einer Machbarkeitsstudie des Regionalverbandes beruht. Derzeit weist eine Messstelle hinter dem Sternhausberg in Höhe der Autobahnauf- und -abfahrten für das gesamte Jahr 2025 montags bis freitags durchschnittlich rund 367 Radfahrten pro Tag aus. Betrachtet man nur den kalendarischen Sommer vom 21. Juni bis 22. September 2025, liegt der Durchschnitt bei rund 482 Fahrten. Unter der Annahme, dass Pendlerinnen und Pendler zwischen Wolfenbüttel und Braunschweig die Messstelle jeweils auf ihrem Hin- und Rückweg passieren, entspräche dies rechnerisch etwa 241 Personen pro Tag. Die von der Stadtverwaltung in der Sitzung genannten Werte von bis zu rund 800 Fahrten sind keine Durchschnittswerte, sondern Spitzenwerte beziehungsweise Teil einer auffälligen Hochphase, insbesondere Ende Mai/Anfang Juni 2026.

Wieviele Radfahrer den Radschnellweg am Ende wirklich nutzen, war für den SPD-Fraktionsvorsitzenden Ralf Achilles kein Kriterium. "Wir sind für eine Gleichstellung aller Verkehrsbeteiligten, und dazu gehört auch, dass es anständige Wege gibt, die man nutzen kann. Wir diskutieren ja auch nicht über Straßen, die am Tage von fünf Autos benutzt werden", begründete Achilles die Ablehnung seiner Fraktion des CDU/FDP-Antrages.

Ralf Achilles, Fraktionsvorsitzender der SPD im Rat der Stadt Wolfenbüttel.
Ralf Achilles, Fraktionsvorsitzender der SPD im Rat der Stadt Wolfenbüttel. Foto: Axel Otto


"Radschnellweg ist kein Prestigeprojekt"


Auf das Argument der Einsparung bei einem defizitären Haushalt ging weder Ralf Achilles von der SPD, noch Leonhard Pröttel von Bündnis90 / Die Grünen ein. Letzterer warf der CDU stattdessen Populismus vor und bezeichnete den CDU-Fraktionsvorsitzenden Marc Angerstein als Donald Trump, der eine "Wolfenbüttel first"-Strategie verfolge, da Angerstein lieber zunächst den innerstädtischen Radverkehr stärken und die Radschnellwegverbindung zwischen Braunschweig und Wolfenbüttel verhindern wolle.

"Dabei reden wir über eine der stärksten Pendlerverbindungen unserer Region. Tausende Menschen bewegen sich täglich zwischen beiden Städten. Der Radschnellweg ist kein Prestigeprojekt. Er ist ein Baustein moderner Verkehrspolitik. Er schafft Alternativen zum Auto, entlastet Straßen und verbindet zwei eng verflochtene Städte", führte Pröttel aus. Der Radverkehrsanteil auf der Route Wolfenbüttel–Braunschweig läge heute deutlich unter 5 Prozent. "In den Niederlanden, wo es gute Radwege gibt, sind 15 Prozent üblich, auf solch einer Verbindung", sagt Pröttel. Der fehlende gute Radweg mache seiner Meinung nach die Differenz aus.

Ratsabgeordneter der Grünen, Leo Pröttel.
Ratsabgeordneter der Grünen, Leo Pröttel. Foto: Thomas Stoedter


Rudolf Ordon, als Mitantragsteller von der FDP, führte daraufhin noch einmal aus, dass auch er nicht an die hohe Zahl von künftig 2.000 Pendlerbewegungen glaube und er keine Notwendigkeit für den Ausbau einer weiteren Verkehrsverbindung sehe. "Wir haben in Wolfenbüttel selbst genug Probleme mit Radwegen. Wenn Sie die Adersheimer Straße von Welger bis zum Ortsende fahren, als Radfahrer, dann ziehen Sie sich vielleicht unter Umständen eine Gehirnerschütterung zu, weil dort der ganze Radweg nicht mehr impressiv fahrbar ist, aufgrund der vielen Wurzeln", ergänzte er.

Manfred Wolfrum von der AfD-Fraktion, die dem Antrag der Gruppe CDU/FDP auf sofortigen Stopp des Radschnellweges zustimmte, hob hervor, dass er die jährlichen Folgekosten von ausgewiesenen 30.000 Euro für Beleuchtung, Pflege und Winterdienst als zu gering eingestuft betrachte. Er sprach sich dafür aus, dass durch einen Stopp freigesetztes Geld stattdessen für die maroden innerstädtischen Radwege aufgewendet werden sollte.

Mit der Mehrheit von SPD, Grünen sowie der Gruppe BUW Plus wurde der CDU/FDP-Antrag am Ende abgelehnt, sodass sich die Stadt Wolfenbüttel auch weiterhin an diesem interkommunalen Vorhaben, bei dem eine bereits bestehende Verbindung ausgebaut wird, weiter beteiligt.