Goslar. Die Lebenshilfe Goslar sieht sich derzeit vor einer schwierigen Situation: Sie wird den Betrieb ihrer Tagesbildungsstätte Siebensteinschule im Goslarer Stadtteil Oker in ihrer bisherigen Form nicht weiterführen können. Dies gaben Geschäftsführer Sven Dickfeld und Karsten Schubert, Leiter des Bereichs Kinder, Familie und Gesundheit, am heutigen Mittwoch bekannt.
Hintergrund ist, dass die bisherige ausschließliche Finanzierung der Tagesbildungsstätten aus Mitteln der Eingliederungshilfe nicht mehr zulässig ist, da für den Teil der schulischen Bildung formal das Kultusministerium zuständig ist. Darüber hatten Gerichte entschieden. Deshalb wurde Ende Juni die rechtlichen Voraussetzungen für eine Umwandlung von Tagesbildungsstätten in Schulen freier Trägerschaft ab dem Schuljahr 2027/2028 geschaffen.
Einsatz von Lehrkräften erforderlich
Eine Umwandlung in eine Schule in freier Trägerschaft bedeutet zwingend den Einsatz von Lehrkräften. Das Problem aus Sicht der Lebenshilfe Goslar: In Niedersachsen stehen nicht genügend qualifizierte Lehrkräfte zur Verfügung, um den Betrieb unter den neuen Rahmenbedingungen verlässlich aufrechtzuerhalten. Hinzu kommt, dass die Lebenshilfe nicht über eine ausreichende Zahl an Mitarbeitern verfügt, die im Rahmen gesetzlicher Übergangsregelungen eine Anerkennung als Lehrkraft erhalten könnten.
„Vor diesem Hintergrund müssen wir nun nach neuen Lösungen für die Siebensteinschule suchen“, so Sven Dickfeld. „Wir bedauern diese Entwicklung sehr, da die Tagesbildungsstätte in ihrer bisherigen Form über viele Jahrzehnte hinweg ein wichtiger Bestandteil der individuellen Förderung und Teilhabe von Kindern und Jugendlichen mit geistigen Beeinträchtigungen war“.
Kollegen, Eltern und Kinder informiert
Karsten Schubert ergänzt: „Die betroffenen Kolleginnen und Kollegen sowie die Eltern unserer Kinder haben wir vorab über die neuen Entwicklungen informiert. Wir werden uns für die bestmögliche Lösung im Sinne der Schülerinnen und Schüler sowie ihrer Familien einsetzen und den weiteren Umstellungsprozess konstruktiv begleiten. Auch für unsere Kolleginnen und Kollegen suchen wir nach guten Lösungen.“
Derzeit befindet sich die Lebenshilfe Goslar in Gesprächen mit anderen Institutionen, um die Möglichkeiten einer Weiterführung der Siebensteinschule in anderer Trägerschaft zu prüfen. Gelingt dieses nicht, sind das Land Niedersachsen sowie die örtlichen Schulträger gefordert, die betroffenen 30 Schülerinnen und Schüler aufzunehmen.
Gesetzliche Änderung als Auslöser
Mit der geforderten Neuausrichtung gehen umfassende strukturelle und organisatorische Veränderungen einher. Sie betreffen insbesondere die personelle Ausstattung.
„Diesen Weg der Umstrukturierung können wir aufgrund unserer individuellen personellen Situation bei der Lebenshilfe Goslar nicht mitgehen“, so Dickfeld. „Die Auflagen für die Anerkennung als Lehrkraft sind sehr hoch, nur wenige Mitarbeitende kommen dafür überhaupt in Frage. Das bedeutet, wir müssten bis zu fünf Lehrkräfte und eine Schulleitung einstellen, um die neuen Vorgaben zu erfüllen. Dies halten wir angesichts des allgemeinen Lehrkräftemangels nicht für umsetzbar.“
Große Betroffenheit
Während bislang multiprofessionelle Teams aus pädagogischen und pflegerischen Fachkräften im Einsatz waren, ist künftig pro Klasse der Einsatz einer Lehrkraft sowie eines pädagogischen Mitarbeiters vorgesehen. Bei den Mitarbeitern der Lebenshilfe sorgt die Gesetzesänderung für große Betroffenheit. „Für viele unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist eine Welt zusammengebrochen“, erklärt Marius Niemeyer, Leiter der Siebensteinschule. „Sie engagieren sich teilweise seit Jahren mit viel Herzblut und persönlichem Einsatz für die Kinder bei uns, oft über das normale Maß hinaus.“
Und auch Manuela Grenzdörfer, pädagogische Fachkraft an der Siebensteinschule, fasst zusammen, wie es dem Kollegium derzeit geht: „Es macht uns fassungslos, dass trotz unserer langjährigen Tätigkeit und viel Berufserfahrung kaum jemand aus dem Team die Chance hat, als Lehrkraft anerkannt zu werden. Als wäre alles, was wir bisher gemacht haben, weniger wert. Dabei brauchen unsere Schülerinnen und Schüler nicht nur Unterricht, sondern eine ganzheitliche Begleitung.“
Eine ungewissen Zukunft
Und ihre Kollegin Isabel Berger ergänzt: „Eigentlich läuft alles gut so, wie es ist. Die Kinder liegen uns sehr am Herzen. Nun stehen wir vor einer ungewissen Zukunft und wissen nicht, wie es mit uns und den Schülerinnen und Schülern weitergeht. Das bereitet vielen von uns schlaflose Nächte.“
Die geplanten Änderungen stoßen auch bei den Familien der Schülerinnen und Schüler auf Unverständnis. Einige von ihnen blicken sorgenvoll in die Zukunft. „Ich habe das Gefühl, wir machen beim Thema Inklusion Rückschritte“, so Jutta Heuck, deren Sohn die Siebensteinschule besucht. „Wir haben hier tolle, engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, denen die Kinder wichtig sind. Und das wird jetzt kaputtgemacht.“
"Wie eine erweiterte Familie"
Und Stefanie Siems, deren Sohn ebenfalls Schüler an der Siebensteinschule ist, ergänzt: „Unsere Kinder sind auf verlässliche Bezugspersonen angewiesen. Jeder Wechsel ist für sie eine große Herausforderung. Die Siebensteinschule ist wie eine erweiterte Familie mit einem tollen Konzept. Unsere Kinder vertrauen den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die auch viel in ihrer Freizeit gemacht und sich immer weitergebildet haben. Und jetzt braucht man sie nicht mehr und sie sollen einfach ersetzt werden.“
Aber nicht nur beim Unterricht, auch bei den Betreuungszeiten soll es Änderungen geben: Bisher orientierten sich die Schließzeiten der Tagesbildungsstätten stark an denen von Kindertagesstätten. Zukünftig sollen die Einrichtungen die regulären Schulferien übernehmen. Dadurch entsteht für viele Eltern ein erhöhter Bedarf an zusätzlicher Betreuung, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird dadurch erschwert.
Auf sich allein gestellt
„Ohne die Ferienbetreuung wird es für die meisten von uns schwierig“, erklärt Stefanie Siems. „Denn für unsere Kinder einen anderen Betreuungsplatz in den Ferien zu finden, ist fast unmöglich. Die Kinder und die Familien sind dann sechs Wochen mehr oder weniger auf sich allein gestellt." Auch, wie der pflegerische sowie der hohe Unterstützungsbedarf der Schülerinnen und Schüler zukünftig gewährleistet werden soll, damit sie am schulischen Alltag teilhaben können, ist derzeit noch unklar.
