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Smartphone-App entlarvt Gefahren für Radfahrer: Tempo 30 kann Unfallrisiko minimieren

Der ehemalige Wolfenbütteler Dr. David Bermbach hat eine App entwickelt, mit der Gefahrenschwerpunkte ausgemacht werden können indem Beinaheunfälle von Fahrradfahrern aufgezeichnet werden.

von Alexander Dontscheff


Symbolbild
Symbolbild Foto: Rudolf Karliczek

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08.09.2020

Berlin. Kommt es zu einem Verkehrsunfall zwischen einem Fahrradfahrer und einem Auto oder gar LKW ist klar, wer hier den Kürzeren zieht. Um das Risiko für Unfälle zu verringern, hat ein Berliner Informatiker mit Wolfenbütteler Vergangenheit eine App entwickelt. Mit dieser werden Beinaheunfälle von Radfahrern analysiert, um mögliche Gefahrenstellen auszumachen und dort mit entsprechenden Maßnahmen anzusetzen. Dr. David Bermbach erklärt im Interview mit regionalHeute.de wie die SimRa App funktioniert, wo die größten Gefahren für Radfahrer lauern und wie man diese entschärfen könnte.



Dr. David Bermbach leitet das Fachgebiet Mobile Cloud Computing am Einstein Center Digital Future der TU Berlin und ist selbst leidenschaftlicher Fahrradfahrer. Dies sei in Berlin nicht immer ein Vergnügen, berichtet Bermbach, der von der 5. Klasse bis zum Abitur in Wolfenbüttel zur Schule gegangen ist. Eine persönliche Erfahrung habe ihn dann auch auf die Idee mit der App gebracht.

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Er sei auf dem Weg zur Arbeit auf dem Radweg geradeaus gefahren, als ein rechts abbiegendes Auto einfach vor ihm rübergezogen sei. Er habe den Unfall nur durch eine Vollbremsung und das Ausweichen auf den Fußgängerweg, wo sich zum Glück keiner aufgehalten hatte, verhindern können. Der Autofahrer sei weiter gefahren als wenn nichts gewesen wäre. Entsprechend aufgewühlt sei er im Büro angekommen. Genau an diesem Tag habe er eine E-Mail der TU Berlin mit dem Aufruf, neue Citizen-Science-Projekte einzureichen, erhalten. Mit einem Mitarbeiter habe er dann sofort Ideen für die App "SimRa - Sicherheit im Radverkehr" entwickelt. Letztlich habe er den Wettbewerb gewonnen und entsprechende Fördergelder erhalten.


Prof. Dr. David Bermbach präsentiert die SimRa App. Foto: ECDF/PR/Felix Noak


Die App arbeite mit einem Beschleunigungssensor und GPS-Modul. Dadurch würden Beinaheunfälle an bestimmten Punkten geortet. "Für den Benutzer bedeutet das, ich öffne die App, drücke am Anfang der Fahrt auf Start und am Ende auf Stopp", erklärt Bermbach. Die Route sei dann auf einer Karte nachverfolgbar. Diese lasse sich aus Datenschutzgründen am Anfang und Ende beschneiden. Der Rest werde analysiert. "Wenn der Beschleunigungssensor an einer Stelle stark springt, sich die Bewegungsrichtung schlagartig ändert, gehen wir von einer Gefahrensituation aus", so der Informatiker. Die Punkte würden dann auf einer Karte markiert. Der Radfahrer selbst kann dann hinterher kennzeichnen, welches tatsächlich Gefahrenstellen waren und mit Hilfe von Dialogfenstern die näheren Umstände beschreiben. Auch könne der Radfahrer die Situation in einem eigenen Text kommentieren. "Dies wird erfahrungsgemäß gerne genutzt, um einen Wutanfall aufzuschreiben. Das ist bisweilen zwischen tragisch und unterhaltsam zu lesen", berichtet David Bermbach. Erst wenn der Nutzer auf "hochladen" klickt, würden die Daten weitergeleitet.



Die App ist seit März 2019 im Betrieb. Zunächst auf Berlin beschränkt, gibt es mittlerweile auch einige "Ablegerregionen" in Deutschland und eine in der Schweiz. Um Aussagen treffen zu können, müsse man eine ausreichende Anzahl von Fahrten - mindestens 50 - zusammenbekommen. Grundsätzlich werde die Anzahl der Gefahrensituationen aber in Relation zur Anzahl der Fahrten gesetzt. Daher sei die App keinesfalls nur auf Großstädte beschränkt. Auch kleinere Regionen hätten die App schon eingeführt. In Berlin habe man bereits für einige Straßen Aussagen treffen können, warum diese gefährlich oder weniger gefährlich seien.

Regionsverantwortlicher gesucht


Theoretisch sei die Einführung der App auch in unserer Region denkbar. "Es muss sich allerdings jemand finden, der Lust hat, unser Regionsverantwortlicher zu sein", erklärt Dr. Bermbach. Dabei geht es zum einen darum Nutzer zu gewinnen und zum anderen um Hilfe beim Auswerten der Daten. Die Bewertung der einzelnen Straßen und warum es dort wiederholt zu Vorfällen, die die App aufzeichnet, komme, könne man aus der Ferne nicht leisten.

Große Gefahr in kleinen Nebenstraßen


Für David Bermbach gibt es mehrere Situationen, die für Fahrradfahrer besonders gefährlich sind. In kleineren Nebenstraßen zu Hauptstraßen, die häufig stark zugeparkt seien, könne durch Falschparker, Parksuchverkehr und Ausweichverkehr schnell ein Chaos entstehen. "Jeder möchte da schnell durch und es entsteht ein fröhliches Um-die-Wette-Drängeln was zu vielen kritischen Situationen führt", erklärt der Informatiker.

Der Klassiker sei aber das zu dichte Überholen. "Als reiner Autofahrer kann man sich das vermutlich gar nicht vorstellen, wie bedrohlich das wirkt", so Bermbach. Vor allem auf stark befahrenen Straßen mit einer Spur pro Richtung trete das Problem auf. "Die Fahrradfahrer sind mit 20, 30 km/h unterwegs. Die Autos möchten aber irgendwas zwischen 50 und 70 fahren. Dann wird gedrängelt, und wenn man endlich vorbei kann wird mit hoher Geschwindigkeit dicht am Radfahrer vorbei gefahren", beschreibt Dr. Bermbach die Situation. Auch auf größeren, mehrspurigen Straßen mache das Fahren für schwächere Verkehrsteilnehmer keinen Spaß. Das Risiko von einem Rechtsabbieger auf eine Tankstelle oder ein Firmengelände erwischt zu werden, sei dagegen in Gewerbegebieten und anderen Bereichen, wo kaum Fußgänger unterwegs sind, besonders groß, da dort nicht mit Fahrradfahrern gerechnet werde.

Die Differenzgeschwindigkeit verringern


Die Ideen, wie man solche Situationen entschärfen könne, seien bekannt. "Dort wo man einen vernünftigen und idealerweise auch geschützten Radweg einrichten kann, sollte man das auch tun", fordert Bermbach. An ganz vielen Stellen würde ein Tempolimit helfen. "Wenn das Auto nur Tempo 30 fahren darf, ist die Differenzgeschwindigkeit geringer. Der Druck, überholen zu müssen, ist weniger stark", erklärt der Informatiker. Auch das Überholen geschehe mit geringerer Differenz der Geschwindigkeit. Da der Gegenverkehr ebenfalls langsamer sei, habe der Autofahrer mehr Zeit mit ausreichend Abstand zu überholen. Bei Abbiegesituationen helfe dagegen nur die Sichtbarkeit. Es müsse sichergestellt sein, dass der Bereich davor nicht zugeparkt oder anderweitig die Sicht versperrt ist. Bei Einfahrten auf Grundstücke und Firmengelände könne ein erhöhter Bordstein helfen, dass die Autofahrer langsamer darüber fahren. Generell sei man gut beraten, Gefahrensituationen zu entschleunigen, mahnt Dr. David Bermbach.


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