Stadtgeschichte online erleben: Wolfenbüttels Goldenes Buch jetzt digital zugänglich

Die einzelnen Einträge wurden digitalisiert, detailliert aufgearbeitet und in ihren historischen Kontext eingebettet. Jeder Bürger kann sich das Goldene Buch nun anschauen.

Das goldene Buch der Stadt Wolfenbüttel wurde digitalisiert.
Das goldene Buch der Stadt Wolfenbüttel wurde digitalisiert. | Foto: Anke Donner

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Wolfenbüttel. Die Digitalisierung des Goldenen Buchs der Stadt Wolfenbüttel ist erfolgreich abgeschlossen. Ab sofort können interessierte Bürgerinnen und Bürger sowie Geschichtsinteressierte das historische Ehrenbuch unter www.wolfenbuettel.de/goldenesbuch virtuell durchblättern. Die Digitalisierung ist auf Vorschlag der Politik umgesetzt worden.



Das Projekt geht dabei weit über eine reine Bilddokumentation hinaus: Dank der wissenschaftlichen Unterstützung von Christoph Kießling, M.A., wurden die einzelnen Einträge detailliert aufgearbeitet und in ihren historischen Kontext eingebettet. Das Einscannen der einzelnen Seiten hatte das Niedersächsische Landesarchiv – Abteilung Wolfenbüttel, übernommen.

Ein Spiegel der Stadtgeschichte


Das Goldene Buch dient als Ehrenbuch der Stadt Wolfenbüttel und ist das schriftliche Gedächtnis für besondere Begegnungen und Meilensteine. Seit dem Jahr 1938 finden hier Ereignisse ihren Platz, bei denen die Stadt im Zeichen herausragender Besuche steht – von protokollarischen Terminen bis hin zu großen Jubiläen und Feiern. Wie in vielen anderen Städten schlägt auch das Wolfenbütteler Exemplar eine Brücke zwischen dem offiziellen Protokoll und der lebendigen Erinnerung der Stadtgesellschaft. Es dokumentiert fortlaufend, welchen Gästen die Stadt die Ehre erweist und welche Zusammenkünfte sie als historisch bedeutsam festhält.

Vom schwierigen Erbe zum demokratischen Neuanfang


Die Geschichte des Buches selbst ist ein Abbild der wechselhaften deutschen Historie. Es wurde am 1. Dezember 1938 begonnen. Die ersten Einträge stammen aus der Zeit des Nationalsozialismus und spiegeln in Sprache und Anlass die damalige politische Linie wider. Eine ursprüngliche Einleitung, die noch ausdrücklich auf die sogenannte Machtergreifung verwies, wurde in den 1960er-Jahren entfernt. Heute markiert an dieser Stelle lediglich eine schlichte Datumsangabe den Beginn des Buches, ohne die frühere politische Aussage zu wiederholen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ruhten die Eintragungen für viele Jahre. Erst 1962 nahm die Stadt die Praxis im Rahmen der demokratischen Ordnung der Bundesrepublik wieder auf. Empfänge zum Tag der Arbeit, Besuche niedersächsischer Landesminister und die Tagung des Niedersächsischen Städtetages positionierten Wolfenbüttel fortan als aktiven Gestalter im neu entstehenden Landes- und Kommunalsystem.

Wirtschaftlicher Aufschwung und internationale Vernetzung


Im Verlauf der 1960er-Jahre traten Themen in den Vordergrund, die den wirtschaftlichen Aufschwung, den Ausbau der kommunalen Infrastruktur und die kulturelle Profilierung der Stadt dokumentieren. Prägnante Beispiele hierfür sind die Einweihung des neuen städtischen Krankenhauses im Jahr 1967, Besuche internationaler Fachdelegationen in Schloss und Bibliothek sowie die Dreharbeiten zur Neuverfilmung der „Feuerzangenbowle“, für die Wolfenbüttel 1970 als Kulisse diente. Parallel dazu gewannen internationale Kontakte an Bedeutung. Delegationen aus der französischen Partnerstadt Sèvres und aus dem rumänischen Satu Mare standen im Zeichen der europäischen Verständigung und zeigten, wie Wolfenbüttel den Ausbau kommunaler Beziehungen trotz der Vorzeichen des Kalten Krieges vorantrieb. Diese wertvollen Kontakte wurden in den 1970er- und 1980er-Jahren mit der offiziellen Unterzeichnung von Partnerschaftsurkunden dauerhaft besiegelt.

Protokollarische Höhepunkte und lokale Verankerung


Neben der internationalen Ausrichtung dokumentiert das Ehrenbuch auch die sicherheitspolitische Lage jener Zeit, etwa durch Empfänge für die in Wolfenbüttel stationierten britischen Truppen oder durch Besuche hochrangiger Militärs und Botschafter. Die überregionale Sichtbarkeit Wolfenbüttels manifestierte sich insbesondere in den Besuchen der Bundespräsidenten Gustav Heinemann (1972), Walter Scheel (1979) und Richard von Weizsäcker (1984), die als protokollarische Höhepunkte dieser Epoche gelten. Gleichzeitig verlor die Stadt nie ihre lokalen Wurzeln aus dem Blick: Auch sportliche Erfolge des MTV im Jugend-Basketball oder Jubiläen der Freiwilligen Feuerwehr wurden gewürdigt. Dies unterstreicht bis heute die immense Bedeutung des Ehrenamts für das Selbstverständnis der Stadtgesellschaft.

Gelebte Erinnerungskultur und der Blick in die Gegenwart


Seit den 1990er-Jahren setzten sich die Entwicklungen unter veränderten globalen Vorzeichen fort. Mit dem Ende des Kalten Krieges bereicherten neue Partnerschaften, unter anderem mit Kamienna Góra und Blankenburg im Harz, das städtische Netzwerk. Parallel trat eine bewusste Erinnerungskultur deutlich stärker in den Vordergrund. Einträge im Zusammenhang mit der Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel, Gedenkveranstaltungen für die Opfer der NS-Justiz sowie die Würdigung verfolgter jüdischer Mitbürger machen deutlich, dass die historische Verantwortung einen festen und sichtbaren Platz im städtischen Leben eingenommen hat.

Bis in die Gegenwart rückt das Buch zudem kontinuierlich lokale Persönlichkeiten aus Kultur, Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Sport in den Fokus. In der Gesamtschau eröffnet das neu digitalisierte Ehrenbuch damit einen facettenreichen Zugang zur städtischen Historie. Es formt ein dichtes Panorama seit der Mitte des 20. Jahrhunderts, in dem sich lokale Ereignisse untrennbar mit überregionalen und internationalen Bezügen verbinden. Ein besonderer Dank der Stadtverwaltung gilt an dieser Stelle Christoph Kießling für seine fundierte Ausarbeitung der beschreibenden Erläuterungen, die diese digitale Zeitreise erst in ihrer vollen Tiefe verständlich machen.

Das digitale Goldene Buch steht ab sofort unter www.wolfenbuettel.de/goldenesbuch zur Verfügung.

Die verschwundenen Seiten


Anfang der 1960er-Jahre wurden einige Seiten herausgetrennt. Es sind Seiten, die zur NS-Zeit entstanden sind.
Anfang der 1960er-Jahre wurden einige Seiten herausgetrennt. Es sind Seiten, die zur NS-Zeit entstanden sind. Foto: Anke Donner


Im Rahmen einer Berichterstattung über das Goldene Buch blätterte regionalHeute.de im Jahr 2014 gemeinsam mit Wolfenbüttels damaligem Bürgermeister Thomas Pink durch das Buch. Dabei fiel auf, dass einige Seiten fehlten, und es kam die Frage auf, wo die vor 1962 entstandenen Seiten abgeblieben waren – denn im Rathaus wusste bis zu unserer Nachfrage offenbar niemand, wo sie sich befanden. Mit der Unterstützung des ehemaligen Hauptamtsleiters Peter Kiehne machten wir uns auf die Suche und spürten die herausgetrennten NS-Einträge schließlich – scheinbar vergessen – im Rathaus wieder auf.