Salzgitter. Nach einer kontroversen Debatte hat der Rat der Stadt Salzgitter mit knapper Mehrheit von 19 Ja-Stimmen gegen 17 Nein-Stimmen die Wiedereinführung einer großen, stadtweiten Berufsorientierungsmesse beschlossen. Damit stimmte das Gremium für einen gemeinsamen Antrag von SPD, Die Linke, Freien Wählern/FDP und der Ratsgruppe Grüne - Die PARTEI. Die Verwaltung wird nun beauftragt, zeitnah ein neues Konzept auf Basis des früheren Formats „BONA SZ“ umzusetzen.
Hintergrund des Antrags, der dem Gremium von Tobias Bey (SPD) erörtert wurde, war eine Mitteilungsvorlage der Stadtverwaltung vor wenigen Wochen. Darin hieß es, dass eine klassische Berufsorientierungsmesse bis auf Weiteres nicht mehr stattfinden solle. Die Verwaltung begründete dies mit einem ungünstigen Aufwand-Nutzen-Verhältnis, hoher Belastung der Betriebe und bestehenden alternativen Messeangeboten in den Nachbarkreisen.
Kritik an der Verwaltung
Bey kritisierte diesen Schritt in der Sitzung deutlich. „Da denke ich mir, was ist das denn für ein Armutszeugnis, zu sagen, die anderen um uns herum machen Jobbörse-Angebote, deswegen machen wir keins mehr? Wir sind ja einer der wichtigsten Wirtschaftsstandorte in Niedersachsen?" Gerade die kleinen und mittelständischen Unternehmen sowie das Handwerk würden solche Messen explizit fordern, „weil sie hier sich präsentieren können und weil sie hier um Auszubildende werben können", so Bey.
Sorge vor Abwanderung und unbesetzten Lehrstellen
Unterstützung kam von Hermann Fleischer (Die Linke) und Günter Karl-Heinz Gehmert (Freie Wähler), die warnten, dass ohne ein lokales Angebot junge Menschen abwandern würden, während im Mai 2026 bereits 287 Ausbildungsstellen in der Stadt unbesetzt blieben. Zudem müsse man so der drohenden Arbeitslosigkeit ohne Berufsabschluss entgegenwirken. Lars Tietjen (Ratsgruppe Grüne - Die PARTEI) unterstrich ebenfalls die Dringlichkeit der Messe und erklärte, dass dieses Angebot für die Jugendlichen in der Stadt aktuell schmerzlich fehle. Ratsfrau Doris Holletzek (SPD), die an der Entwicklung von „BONA SZ“ beteiligt war, mahnte an, die verschiedenen Bausteine genau zu unterscheiden. Ziel müsse eine frühzeitige, echte Berufsorientierung sein, für die eine Messe eine gute Unterstützung biete, sofern die Schulen eingebunden würden.
Sorge vor mangelndem Interesse
Gegenwind kam aus den Reihen der Verwaltung und Teilen des Rates. Ratsherr Thomas-Peter Disselhoff (Ratsgruppe DiBo) gab zu bedenken, dass die Berufsorientierung und -beratung originär der Bundesagentur für Arbeit vorbehalten sei. Aus seiner eigenen praktischen Erfahrung heraus sehe er individuelle Praktika in den Betrieben als effektiver an als eine Großmesse.
Oberbürgermeister Frank Klingebiel (CDU) dämpfte die Erwartungen und erläuterte, dass das Thema deutlich komplexer sei. Er wies darauf hin, dass die Schulen vor allem Interesse an der mehrtägigen Kompetenzfeststellung im Unterricht hätten, während die Messe selbst nur einen Tag einnehme. Zudem habe sich die Allianz für die Region aus der Finanzierung zurückgezogen. „Unsere Erkenntnis ist, das wird nicht angenommen, weder von den Ausstellern noch von der Nachfrage“, warnte Klingebiel vor dem Risiko einer mangelnden Beteiligung durch die starke regionale Konkurrenz. Es sei keine Ignoranz der Verwaltung gegenüber dem politischen Willen, sondern ein wichtiger wirtschaftlicher Hinweis. Gleichzeitig betonte er, dass die Absicherung der Berufsorientierung im kommenden Haushalt Geld kosten werde, dem man sich aber nicht verschließe.
Verwaltung soll neue Partnerschaften prüfen
Der beschlossene Antrag sieht nun vor, dass die Stadt Salzgitter die Messe gemeinsam mit der Wirtschafts- und Innovationsförderung Salzgitter (WIS), der Arbeitsagentur, Kammern, Verbänden und Schulen neu aufstellt. Um Finanzierungslücken zu schließen, regte Ratsherr Bey an, auch neue Partnerschaften mit lokalen Unternehmen und städtischen Partnern zu prüfen.

